Selbstbestimmt am Lebensende: So funktioniert die Patientenverfügung

- Die Theorie funktioniert prächtig, nur bei der praktischen Umsetzung hapert's noch: Fast drei Viertel aller Deutschen haben sich nach Angaben der Deutschen Hospiz Stiftung schon einmal mit dem Thema "Patientenverfügung" auseinander gesetzt. Besonders das Schicksal der amerikanischen Wachkomapatientin Terri Schiavo brachte im vergangenen Jahr eine öffentliche Diskussion ins Rollen. Allerdings: Nur 14 Prozent, das sind 8,6 Millionen Deutsche, haben bislang tatsächlich ein solches Schreiben verfasst, mit dem sie ihre ärztliche Behandlung im Fall einer schweren oder tödlichen Krankheit regeln.

Bislang kein Gesetz

Grund für diese Zurückhaltung ist in vielen Fällen Unsicherheit: Welche rechtliche Verbindlichkeit hat meine Verfügung überhaupt? Und halten sich die Mediziner an das, was ich im stillen Kämmerlein niedergeschrieben habe? Zwar ist die Patientenverfügung auch Thema im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Regierung, eine gesetzliche Regelung fehlt bislang.

Keine Frage des Alters

Wer sichergehen will, dass er auch in medizinischen Notfall-Situationen Herr über das eigene Schicksal bleibt, sollte sich schon früh mit dem Thema Patientenverfügung auseinander setzen. "Eine solche Regelung ist keine Frage des Alters", sagt Silke Lehmeyer aus dem Informationsbüro der Deutschen Hospiz Stiftung. "Am besten, man macht sich an gesunden Tagen Gedanken darüber." Beratungsangebote und vorformulierte Beispieltexte gibt es - vor allem im Internet - genügend.

Rat oder Ramsch?

Ob ein Angebot seriös ist oder einen rein kommerziellen Zweck verfolgt, lasse sich leicht feststellen, erklärt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung: So müsse der Patient unter anderem jährlich zur Aktualisierung seiner Daten aufgefordert werden. Am wichtigsten sei jedoch die qualifizierte Beratung. "Wem nützt es, wenn er einen zehnseitigen Bogen ausfüllt, aber am Ende mit einem schlechten Gefühl dasteht?", sagt Brysch.

Individuell und konkret

Klare und aussagekräftige Bestimmungen seien entscheidend. Formulierungen wie: "Man soll mich in Ruhe sterben lassen.", sind im Zweifelsfall viel zu schwammig und nicht rechtsverbindlich. Besser fährt man mit eindeutigen Handlungsanweisungen für ganz konkrete Krankheitsbilder, wie Organversagen, Hirnschädigung oder Wachkoma. Auch von grundsätzlichen Verzichtserklärungen wie: "Ich möchte auf keinen Fall künstlich ernährt werden.", rät die Hospiz Stiftung ab. Begründung: Diagnostische Maßnahmen oder Therapien, die der Verfasser möglicherweise aus Unkenntnis abgelehnt habe, könnten im Ernstfall lebensrettend sein.

Im Vertrauen gesagt

Was viele Menschen nicht wissen: Sind sie einmal nicht mehr in der Lage, selbstständig Entscheidungen zu treffen oder zu artikulieren, wird nicht automatisch der Ehepartner oder ein anderer naher Angehöriger zum Bevollmächtigten. Die Verbraucherzentrale empfiehlt deshalb, eine Patientenverfügung immer zusammen mit einer so genannten Vorsorgevollmacht aufzusetzen. Denn nur wer frühzeitig eine Vertrauensperson bestimmt, kann sichergehen, dass diese den eigenen Willen gegenüber Ärzten oder Behörden vertritt.

Spuren hinterlassen

"Weitersagen" lautet die Devise, damit die Patientenverfügung im Ernstfall Beachtung findet. Es empfiehlt sich, Hausarzt, Bevollmächtigten und nahe Angehörige über die Existenz des Dokuments zu informieren. Zusätzlich kann die Verfügung auch in der Krankenakte oder im so genannten "Bundeszentralregister Willenserklärung" hinterlegt werden.

Schwarze Schafe

Aber Vorsicht: Neben dem Register der Deutschen Hospiz Stiftung tummeln sich viele weitere - oft kostenpflichtige - Datenbankanbieter auf dem deutschen Markt. Der Haken daran: Viele Ärzte würden im Alltag gar nicht auf die Registrierungsstellen zurückgreifen, schreibt die Zeitschrift "Finanztest". Am Ende ist ein persönlicher Fürsprecher vor Ort sinnvoller als ein anonymer Datenbank-Eintrag.

Patientenverfügung: Ein Ratgeber der Verbraucherzentralen. Erhältlich unter www.verbraucherzentrale-bayern.de oder in allen Beratungsstellen. 5,80 Euro.

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