Serie "Die Zukunft der Arbeit": Den Betrieben gehen die Lehrlinge aus

Wende am Ausbildungsmarkt: Früher suchten Azubis händeringend eine Stelle, heute sind die Unternehmen verzweifelt. Ihre Kritik: Viele sind nicht ausbildungsfähig. Es droht ein Fachkräftemangel.

Lesen Sie hier die bisherigen Teile der Serie:

„Wir müssen die stillen Reserven aktivieren“

Der zähe Kampf gegen Klischees

Gymnastik am laufenden Band

Da tickt eine Zeitbombe

Zu alt, zu teuer, überqualifiziert

"Schlechte Arbeit macht alt"

Elisabeth Renner ist ratlos. Schon wieder hat sich einer ihrer Azubis an diesem Tag krank gemeldet. „Am Telefon sagte er mir, er könne nicht arbeiten, weil seine Tante vor einer Woche gestorben sei.“ Bislang hatte sie, die bei der Bauunternehmung Renner in München für Personal zuständig ist, immer Verständnis für ihre Mitarbeiter, sorgte sich um ihre Auszubildenden, gab ihnen Nachhilfe. Doch seit bei ihren Schützlingen das Engagement fehlt, hat auch sie resigniert. Hohe Fehlzeiten, ignorantes Verhalten, „eine Nullbock-Mentalität“. Derzeit sehe sie nicht, dass sie einen der Azubis nach der Lehre übernehmen kann.

Für viele Unternehmen wird es immer schwieriger, geeigneten Nachwuchs zu finden. Im vergangenen Jahr konnte beispielsweise das Handwerk in München und Oberbayern rund 4600 der angebotenen Ausbildungsplätze nicht besetzen. „Das ist mehr als ein Drittel der Ausbildungsplätze insgesamt“, sagt Rudolf Baier, Sprecher der Handwerksammer München/Oberbayern.

Ähnlich sieht es bei der Industrie- und Handelskammer aus. Eine Befragung der Mitglieder hat ergeben, dass im vergangenen Jahr fast jedes fünfte Unternehmen Schwierigkeiten hatte, geeignete Auszubildende zu finden. 2007 hatte nur jedes zehnte Unternehmen Probleme. Auch in diesem Jahr scheint keine Besserung in Sicht: Im Mai zählte das Arbeitsamt noch 5022 unbesetzte Stellen. Demgegenüber stehen 2929 suchende Bewerber.

Grund für die Situation sei, dass es wegen des demografischen Wandels weitaus weniger Schulabgänger und somit auch weniger Bewerber gebe, erklärt Rudolf Baier. Vor allem die Hauptschüler fehlen den Betrieben. In den vergangenen zehn Jahren ist in Bayern die Zahl der Schulabgänger mit Hauptschulabschluss von über 50 000 auf rund 40 000 zurückgegangen. Ein weiteres Anzeichen dafür, dass es am Ausbildungsmarkt eine Wende gegeben hat: Waren bislang eher die Lehrstellen knapp, sind es jetzt die Lehrlinge.

Neben dem demografischen Wandel hätten die Unternehmen vor allem damit zu kämpfen, dass „viele der Bewerber überhaupt nicht mehr ausbildungsfähig sind“, sagt Baier. Neben zu geringen Mathematik-Kentnissen kritisiert er, dass viele „eine schlechte Ausdrucksweise im Deutschen“ hätten. „Außerdem mangelt es oft an den Sekundär-Tugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit und Sauberkeit“, erklärt der Handwerks-Sprecher. Es sollte eigentlich für die Jugendlichen eine Selbstverständlichkeit sein, höflich zu grüßen, wenn sie einen Raum mit mehreren Leuten betreten. Die Betriebe stellt das in Zukunft vor das Problem, nicht mehr genügend Fachkräfte zu haben. „Wenn das so weitergeht, müssen wir irgendwann auf Subunternehmen zurückgreifen“, sagt Bauunternehmerin Elisabeth Renner. Dann könne sie aber den Kunden nicht mehr die bisherige Qualität gewährleisten.

Auch die IHK sieht das Problem: „Deshalb wollen wir das Potenzial derer ausschöpfen, die die Schule vielleicht ohne Abschluss verlassen“, sagt Josef Amann, Geschäftsführer der IHK München. Jährlich macht die Agentur für Arbeit rund 1400 Jugendliche für eine betriebliche Ausbildung fit und investiert dafür 6,4 Millionen Euro. Dieses Geld könne man sparen, wenn sich am Unterricht in den Schulen etwas ändern würde, sagt Amann.

Bei der Innung Kfz geht man mit dem Problem des fehlenden Nachwuchses ganz anders um. Die Firmen suchen ihre künftigen Automechaniker nun nicht mehr nur unter den Haupt- und Realschülern. „Wir versuchen seit einem Jahr verstärkt eine höherwertige Zielgruppe anzusprechen“, sagt Andreas Bachem, Geschäftsführer der Innung Kfz in München. Mit einer verkürzten Ausbildungszeit und erster Vorbereitung zum Meister sollen die Abiturienten gelockt werden. Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr erhielten die 18 vom Gymnasium rekrutierten Kfz-Azubis eine eigene Berufsschulklasse. In diesem Jahr soll es sogar zwei Klassen geben. Angst, dass die Abiturienten nach drei Jahren mit einem Studium anfangen und so den Betrieben nicht zur Verfügung stehen, hat man bei der Innung nicht. „Wenn nur ein Drittel von ihnen bleibt, ist das schon ein Gewinn für das Handwerk“, sagt Bachem.

Kerstin Lotritz

In der nächsten Folge lesen Sie wie eine Hauptschule gegen das schlechte Image kämpft und ihre Schüler für das Arbeitsleben motiviert.

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