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Serie "Die Zukunft der Arbeit": Hauptschule kämpft um ihren Ruf

Poing - Hat die Hauptschule noch Zukunft? Und welche Berufe sind für Hauptschüler erreichbar? Ein Ortstermin in Poing.

Nein, wie Vertreter einer Verlierergeneration sehen die sechs Schüler wirklich nicht aus. Tim (16) etwa fragt gleich mal nach, wie man Journalist werden kann. Klar, er strebt ja als Mediengestalter in dieselbe Sparte. Und wenn man fragt, ob das denn der geeignete Beruf für einen Hauptschüler sei, erntet man fast einen empörten Blick. „Alles ist machbar“, sagt der Achtklässler, „es zählt doch der persönliche Eindruck“. Und auf keinen Fall dürfe man „im Schlabberlook“ auftreten, „äh, also so wie wir heute“. Die Schüler grinsen.

Lesen Sie hier die bisherigen Teile der Serie:

Serie "Die Zukunft der Arbeit": Den Betrieben gehen die Lehrlinge aus  

„Wir müssen die stillen Reserven aktivieren“

Der zähe Kampf gegen Klischees

Gymnastik am laufenden Band

Da tickt eine Zeitbombe

Zu alt, zu teuer, überqualifiziert

"Schlechte Arbeit macht alt"

Besuch in der Volksschule in Poing (Landkreis Ebersberg), eine aufstrebende Gemeinde mit bis zu 40 Prozent Bevölkerungszuwachs. Die Gemeinde tut alles für Kinder, für Kinder wie etwa Lena (14), die Modedesignerin werden will und unbedingt eine Schneiderlehre absolvieren will, obwohl dieser Ausbildungsberuf miserabel bezahlt wird. Oder für den zugezogenen Holländer Christiaan (14), der bei Schuhbeck in die Kochlehre will. Nein, wer nach Poing geht, trifft ihn nicht, den typischen planlosen Schulabbrecher, dessen Hartz IV-Karriere programmiert ist. Solche Klischees ärgern die Poinger Schüler sehr. Fast jeder hat schon einmal etwas Negatives über Hauptschüler gehört. „Was, dein Kind geht bloß auf die Hauptschule“, heiße es dann, berichtet Schülerin Lisa (14). Und „manche tun so, als wäre man total dumm“, ärgert sich Lena.

Hat die Hauptschule trotz aller Unkenrufe eine Zukunft? Trotz ihres Namens ist die Hauptschule auch in Bayern längst nicht mehr die Haupt-Schulart, die sie früher einmal war. Der langfristige Trend spricht gegen die Schulart. In den kommenden zehn Jahren wird die Schülerzahl nach einer Prognose des Kultusministeriums stark zurückgehen – um ein Drittel auf dann nur noch knapp 160 000 Schüler bayernweit.

Die Hauptschulen also bluten aus, und der Freistaat hat darauf mit einer immer stärkeren Differenzierung reagiert. Hauptschüler ist längst nicht mehr gleich Hauptschüler. Schon in der 7. Klasse trennen sich die Wege. Wer in Deutsch, Mathe und Englisch eine Durchschnittsnote von 2,33 hat, der kann in den M-Zug gehen und hat nach der 10. Klasse die Mittlere Reife. Die nicht ganz so leistungsstarken Schüler sind „Regelschüler“, machen ihren Quali oder einen normalen Hauptschul-Abschluss.

M-Schüler sind an den Schulen eine starke Minderheit, auch Schulleiterin Simone Fleischmann kann mal eine, mal zwei von insgesamt drei Klassen eines Jahrgangs als M-Klasse ausweisen. Schon in der 8. Klasse haben die Hauptschüler zwei je einwöchige Berufspraktika, die von den Schülern auch sehr gerne angenommen werden. Sie dienen dazu, sich erstmals einen Überblick zu verschaffen – die Schüler müssen sich schon mit 13, 14 Jahren klar werden, was und wo sie ihr Leben lang arbeiten sollen/wollen – oder eben nicht, wie etwa Erich (14), dem das Praktikum beim Tierarzt überhaupt nicht gefallen hat. „Das ist ja auch etwas Positives: dass man auch erfährt, was man nicht will“, sagt Lehrerin Gabriele Grabmeier.

Die Spezialisierung der Hauptschüler fängt sehr früh an, zu früh, wie manche Lehrer meinen. Sie müssen früh Schwerpunkt-Fächer wählen, in HSB (Hauswirtschaft/Soziales), GTB (Technik) oder KTB (kaufmännisch). Von der CSU werden die M-Züge gerne als erfolgreiche Alternative zur Realschule angepriesen. Gleichwertig sind die Abschlüsse aber nicht. Vor allem in Rechnungswesen und Buchführung haben die M-Hauptschüler im Vergleich zu Realschülern Defizite, ebenso in Englisch. Das wissen natürlich auch die Arbeitgeber, und so ist es auch für gute M-Absolventen nur schwer machbar, eine Lehrstelle als Versicherungs- oder Bankkaufmann/-frau zu ergattern, wie Schulleiterin Fleischmann bedauert. Auch das früher für Hauptschüler typische Berufsbild des „Autoschraubers“ – also des Kfz-Mechatronikers – wird zunehmend von Realschülern besetzt. Für Hauptschüler mit Quali statt Mittlerer Reife sei der Mechatroniker jedenfalls „kaum machbar“, meint Fleischmann. Sie wundert sich aber auch oft, welche geringen Ansprüche die Schüler an sich selbst stellen. Wer als M-Schülerin Friseurin werden will – unter Mädchen bis heute kein seltener Berufswunsch –, der unterschätze sich. Allerdings: Viele M-Schüler machen auch weiter, gehen auf die FOS.

Gabriele Grabmeier stören vor allem die ständigen Korrekturen am Hauptschul-Konzept. Das sei doch „krampfhaft“. Kommendes Schuljahr ist es wieder so weit: Die Hauptschulen werden zu Mittelschulen umgerüstet. Es gibt noch mehr Berufsorientierung, noch mehr Stundenzuteilungen. Trotzdem prophezeit Schulleiterin Simone Fleischmann ihrer Schulart keine rosige Zukunft. Die Volksschule Poing habe noch Zulauf, weil sie in der Region ein Markenzeichen sei. Aber man muss hart arbeiten. Zum Beispiel auch die Schulsozialarbeiterin, die mit Schulabgängern jede Bewerbungsmappe durchgeht.

Letzter Rettungsanker sei, so meint Simone Fleischmann, die Kooperation mit Realschulen zu verstärken, etwa durch Zusammenarbeit auch in den Pflichtfächern. Doch das Ministerium lässt das derzeit nicht zu, offiziell jedenfalls nicht. Dass aber in München-Sendling am Gotzinger Platz Haupt- und Realschule in einem Laborversuch doch eng zusammenarbeiten, hat auch die Schulleiterin gehört. Das mache Hoffnung. Mal sehen, wie die geplante Kooperation ihrer Haupt- mit der örtlichen Realschule gestaltet wird. Letztere wird freilich erst gebaut, noch gähnt eine große Baugrube im Herzen von Poing.

Dirk Walter

Ende der Serie „Zukunft der Arbeit“

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