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Das Geschäft bei Apple brummt seit Jahren. Vor allem iPhone und iPad sorgen für Milliardengewinne. Doch der Konzern nutzt Steuerschlupflöcher in Europa – um seine Steuerbelastung weltweit so niedrig wie möglich zu halten. Dafür muss er sich jetzt vor dem US-Senat rechtfertigen.

Tricksereien bei Abgaben

Apple & Co.: Wie sich Konzerne die Steuer sparen

München - Nicht nur Apple steht in den USA am Steuerpranger. Auch andere Konzerne wie Google und Starbucks optimieren ihre Steuerlast. Selbst ein US-Staat bietet sich als Steuerparadies an.

Der Computergigant Apple muss sich wegen Steuerflucht vor dem US-Senat verantworten. Starbucks steht am Pranger, weil die Europa-Tochter der US-Kaffee-Kette ihre Gewinne so trickreich über den Kontinent verschiebt, dass sie fast keine Unternehmenssteuern zahlen muss. Auch andere multinationale Konzerne wie Google oder Amazon optimieren ihre Steuerlast, indem sie Gewinne zu Tochtergesellschaften in Ländern verlagern, wo die Steuerbelastung gering ist. Das ist zwar nicht illegal, weil Gesetze eingehalten werden. Doch darauf kommt es der US-Politik im Fall Apple gar nicht an. Der Computerkonzern hat nach Untersuchungen des US-Senats durch ein komplexes Netz an Auslandsfirmen Milliarden Dollar an Steuerzahlungen in den USA und anderen Ländern vermieden. Ein Senatsausschuss kam zu dem Schluss, dass Apple durch das System bei vielen Einnahmen nirgendwo steuerpflichtig sei.

Dutzende Milliarden Dollar an Einnahmen seien dank Lücken im Steuersystem so gut wie gar nicht besteuert worden, erklärte der Ausschuss. Allein in den vergangenen vier Jahren treffe dies auf über 70 Milliarden Dollar zu.

So lieh sich der iPhone-Hersteller jüngst am Kapitalmarkt 17 Milliarden Dollar, um für Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe nicht auf seine Reserven zurückgreifen zu müssen. Denn die liegen großteils im Ausland und Apple hätte 35 Prozent Steuern zahlen müssen, wenn das Unternehmen das Geld heimgeholt hätte. Es sei zu teuer, das Geld in die USA zu holen, rechtfertigte sich Apple-Chef Tim Cook vor dem Senatsausschuss. Cook versicherte: Apple habe „alle nötigen Steuern gezahlt“. Das gelte für die USA wie fürs Ausland. „Apple hält kein Geld auf einer Insel in der Karibik, hat kein Konto auf den Cayman Islands und verschiebt keine steuerpflichtigen Einnahmen aus Verkäufen an US-Kunden in andere Länder, um Steuern zu umgehen“, erklärte er. Doch sicher ist: Apple hat ein irisches Steuerschlupfloch genutzt. Eine Konzerntochter war in Irland nicht steuerpflichtig, weil sie von den USA aus geführt wurde, und in den USA nicht, weil der Sitz in Irland lag. Also zahlte sie gar nichts.

Solche Schlupflöcher sind kein Versehen. Viele Länder machen aus den Niedrigsteuern ein Geschäftsmodell: Man begünstigt Gewinne, die im Ausland erwirtschaftet werden. Oft reicht ein Briefkasten als Firmensitz. Dafür muss man kaum teure Infrastruktur wie Straßen, öffentlichen Verkehr sowie Energie- und Wasserversorgung bereitstellen. Sonst würden die Billig-Steuern zum schlechten Geschäft.

Dabei ist es eine Wissenschaft für sich, die optimale Standort-Kombination zu finden. Es geht dabei nicht nur um Steuersätze. Ebenso wichtig ist die Bemessungsgrundlage. Was kann abgezogen werden und was bleibt als zu versteuernder Gewinn übrig? Manches Steuerparadies erweist sich da auf den zweiten Blick als etwas weniger lohnend. So hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung für Irland – statt der offiziellen 12,5 Prozent – eine Effektivsteuerbelastung von 14,4 Prozent berechnet. Das ist die fünftniedrigste Belastung in Europa. Irland bietet sich für innovative Unternehmen an. Denn dort sind unter bestimmten Umständen Einnahmen aus der Verwertung von Patenten steuerlich begünstigt. Da kann man beliebig Gebühren vereinbaren, die in Ländern mit hoher Steuerbelastung den Gewinn und damit die Steuern mindern. Das Modell macht Schule und gilt inzwischen auch in Großbritannien, Zypern, Belgien, Luxemburg, Malta, Spanien, den Niederlanden und Ungarn.

Die höchste effektive Steuerbelastung in Europa erreicht Frankreich mit 32,8 Prozent. Das ist immer noch wenig, wenn man die USA (36,5 Prozent) oder Japan (41,7 Prozent) zum Vergleich heranzieht. Deutschland gehört mit 28,2 Prozent zu den Ländern mit hoher Belastung.

Selbst die USA, die nun Apple der Steuerflucht bezichtigen, sind am Ringen um die Gunst von Steuerflüchtlingen beteiligt. Delaware, der zweitkleinste US-Staat, kassiert nur bei Unternehmen ab, die dort auch produzieren. Wer nur eine Holding dort ansiedelt, zahlt bis auf eine jährliche Registrierungsgebühr gar nichts. Das nutzen nicht nur US-Konzerne. Auch Volkswagen hat eine Tochter in Delaware.

Die größten Shitstorms

Die größten Shitstorms

Manches Steuerparadies ist nicht auf den ersten Blick erkennbar: Malta ist eigentlich fast so teuer wie Frankreich. 32,2 Prozent werden dort fällig. Doch die Belastung sinkt, sobald die Dividende verteilt wird. Dann bekommen die Aktionäre die gezahlten Steuern anteilig zurück.

Andere Länder werden besonders attraktiv, wenn man gleichzeitig zur Steueroptimierung in eine ehemalige Kolonie geht. So sind beispielsweise die Niederländischen Antillen Teil des Königreichs, aber nicht in der EU. Das ist ideal, um Gewinne steuerfrei zu transferieren. Dorthin, wo dann auch aufs gebunkerte Kapital und die Zinsen keine oder kaum Steuern anfallen.

Von Martin Prem

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