Sieg und kalte Schulter für Chirac

- Brüssel - Jacques Chirac kann zufrieden sein. Im jahrelangen Poker um die Führung der Europäischen Zentralbank setzte der französische Staatspräsident letztlich seinen Wunsch-Kandidaten durch. Jean-Claude Trichet, der leise auftretende Pariser Notenbankchef, wird am 1. November den Stab von Wim Duisenberg übernehmen und dann volle acht Jahre lang in Frankfurt amtieren.

<P>Auf eine entsprechende Nominierung Trichets einigten sich die EU-Finanzminister in Brüssel - einen Tag nach dem französischen Nationalfeiertag. Chirac hatte anlässlich des 14. Juli mit der Forderung nach einer vorläufigen Lockerung des EuroStabilitätspaktes erheblichen Wirbel in Brüssel ausgelöst. Nur wenige Stunden vor Trichets Nominierung zeigten die Finanzminister dem Vorstoß Chiracs die kalte Schulter.</P><P>Es wird sich zeigen, wie der 60 Jahre alte Trichet, der auf eine brillante Karriere im französischen Staatsdienst zurückblickt, künftig auf Bestrebungen zur Aufweichung des ohnehin lädierten Paktes reagiert. Europäische Finanzpolitiker setzen darauf, dass Trichet den Stabilitätskurs des temperamentvollen Niederländers Duisenberg fortsetzt und die Zentralbank unabhängig hält. In Frankreich scheint man eine feste Meinung von der Unbeirrbarkeit Trichets zu haben: Dort wird er gelegentlich "Monsieur Trichmeyer" genannt - in Anspielung auf den ehemaligen Chef der Deutschen Bundesbank, den als harten Stabilitätsverfechter bekannten Hans Tietmeyer.</P><P>Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU), der in den 90er-Jahren vehement für die Einhaltung der Maastricht-Kriterien focht, lobte den Chef der Banque de France als einen "unbestechlichen Stabilitätsfachmann". Wie "kaum ein Zweiter" kenne Trichet Deutschland und die deutsche Finanz- und Währungspolitik.</P><P>Waigel wehrte sich gegen den Eindruck, bei der Ernennung Duisenbergs am 2. Mai 1998 habe es einen "Kuhhandel" gegeben. Bei den Verhandlungen, die als legendenumwobenes "längstes Mittagessen in der EU-Geschichte" in die Annalen eingegangen sind, wurde auf Drängen Chiracs festgehalten, dass Duisenbergs Nachfolger ein Franzose sein sollte. Duisenberg - damals 62 Jahre alt - sicherte zu, angesichts seines Alters nicht bis zum regulären Amtsende 2006 bleiben zu wollen. "Schon damals kündigte Chirac die Kandidatur Trichets an", erinnert sich ein Beteiligter an die Marathon-Verhandlungen.</P><P>Frankreich schickte den Finanzfachmann Christian Noyer von 1998 bis 2002 als EZB-Vizepräsidenten nach Frankfurt. Kunst- und Literaturkenner Trichet wird bis 2011 amtieren. Eine ordentliche Bilanz für Paris, wie Diplomaten finden. <BR><BR></P>

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