Sieg oder Niederlage? Einigung bei AEG kann Werk nicht retten

- München - Der Aufsehen erregende Streik bei AEG endet mit einem gut dotierten Sozialtarifvertrag. Das Nürnberger Werk wird aber nicht gerettet. Es schließt Ende 2007. Die Freude der Beschäftigten hält sich somit in Grenzen.

Im Streit um die Schließung des Nürnberger AEG-Hausgerätewerks haben die Konfliktparteien nach knapp sechs Wochen Streik eine Einigung erzielt. "Es herrscht kein Jubel, weil über 1700 Menschen ihre Arbeit verlieren, aber die finanziellen Regelungen sind gut angekommen", sagte ein IG-Metall-Sprecher, nachdem die streikenden AEGler vor den Werkstoren vom Durchbruch bei den Verhandlungen informiert worden waren. Materiell habe die Belegschaft "das beste Ergebnis aller Zeiten" erstreikt, meinte Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer.

Gekündigte AEGler erhalten als Abfindung 1,8 Monatsgehälter pro Jahr Betriebszugehörigkeit, was sich für langjährige Mitarbeiter auf bis zu vier Jahresgehälter aufsummiert, sagte Neugebauer (siehe Kasten rechts). Insgesamt koste dieses Paket Electrolux "weit über 150 Millionen Euro", sagte Neugebauer. Das ursprüngliche Angebot der Schweden hatte sich auf gut 100 Millionen Euro summiert.

"Die Vereinbarung ist ein gutes Instrument, um die Beschäftigten auf ihre teils schwere Zukunft vorzubereiten." Horst Winkler

Nach Angaben von Electrolux-Europachef Horst Winkler entspreche das im Durchschnitt 90 000 Euro je Beschäftigten. "Die Vereinbarung ist ein gutes Instrument, um die Beschäftigten auf ihre teils schwere Zukunft vorzubreiten", sagte er. Den für Electrolux entstandenen Imageschaden könne man erst nach Monaten beurteilen. Das jetzt erreichte finanzielle Ergebnis ist nach Konzernangaben einkalkuliert gewesen. "Es waren extrem schwierige Verhandlungen", sagte Electrolux-Konzernvorstand Johan Bygge nach einem zuletzt 15-stündigen Verhandlungsmarathon in der Nacht zum Dienstag unter Vermittlung des Bahn-Vorstands Otto Wiesheu in München. Electrolux werde seiner Verantwortung für die Nürnberger AEG-Beschäftigten gerecht. "Ohne Wiesheu wäre es nicht gegangen", lobte Neugebauer die Rolle des früheren bayerischen Wirtschaftsministers. Zu weit seien Electrolux und IG Metall anfangs auseinander gewesen. Ein Ergebnis erzielt wurde auch für die drei deutschen und teils ebenfalls seit Wochen bestreikten Tochterfirmen für Kundendienst, Ersatzteile und Logistik. Ab kommendem Montag werde damit im Nürnberger AEG-Werk und bei den Tochterfirmen voraussichtlich wieder gearbeitet, schätzte ein Streikleiter vor Ort.

Die Einigung hinterlasse bei ihm ein lachendes und ein weinendes Auge, meinte Neugebauer. Einerseits biete sie den künftig Arbeitslosen ein finanzielles Polster, andererseits sei der Produktionsstandort damit endgültig verloren. Ökonomisch hält der Gewerkschafter das weiter für falsch. Die Belegschaft hatte vor Monaten einen Sanierungsplan vorgelegt, der mehr als eine Halbierung des Personals und einen 17-prozentigen Lohnverzicht vorgesehen hatte. Damit sei das profitable Werk auch künftig wettbewerbsfähig zu halten, meinte AEG-Betriebsratschef Harald Dix. Electrolux widersprach dem. Jede Waschmaschine aus Nürnberger Produktion bringe hierzulande im Verkauf einen Verlust von 60 Euro. Bei Geschirrspülern betrage das Minus 45 Euro.

Der weltgrößte Hausgerätekonzern ist auf einem Sparkurs, dem schon ein Werk in Spanien und weitere Standorte in Schweden sowie Italien zum Opfer gefallen sind. Insgesamt wollen die Skandinavier rund 13 Werke aus westlichen Hochlohnländern an Billigstandorte in Osteuropa verlagern. 2005 setzte Electrolux mit 72 000 Mitarbeitern 14 Milliarden Euro um und verdiente bereinigt um Verlagerungskosten operativ mit 750 Millionen Euro etwas besser.

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