Siemens-Affären: Allein die Aufklärer kosten hunderte Millionen

München - Zu den regelmäßigen Veröffentlichungen von Siemens zählen inzwischen nicht nur Finanzdaten und Mitteilungen über die Konzernstrategie, sondern auch das, was das Unternehmen unter der unscheinbaren Überschrift "Rechtsstreitigkeiten" zusammenfasst: sämtliche aktuellen Skandale, Klagen und Ermittlungen. In einem achtseitigen Dokument hat Siemens nun den Sachstand zu schwarzen Kassen, manipulierten Betriebsräten und diversen Kartellen veröffentlicht. Das Ergebnis: Das Ausmaß der Affären ist wahrscheinlich noch größer als bisher bekannt.

Die Börse reagierte mit einem erneuten Kurssturz: Die Siemens-Aktie fiel am Donnerstag erneut um knapp sechs Prozent. Seit Dienstagabend hat das Papier damit 11 Prozent verloren. Damit wurde ein Börsenwert von 10,5 Milliarden Euro vernichtet.

Den Konzern kostet allein die Aufklärung hunderte Millionen. Die Honorare für externe Berater, die im Auftrag von Siemens die Skandale aufdecken und neue Kontrollsysteme errichten, haben im vergangenen Jahr mit 125 Millionen Euro zu Buche geschlagen, gab Siemens bekannt. Seit Beginn des Geschäftsjahres sind 188 Millionen Euro dieser Kosten aufgelaufen. Insgesamt liegen die Belastungen wohl noch höher. Dem aktuellen Quartalsbericht zufolge fielen unter "Zentrale Posten, Pensionen und Konsolidierungen" 421 Millionen Euro Verlust an. Das sind 390 Millionen mehr als ein Jahr zuvor - hauptsächlich wegen "deutlich höheren Aufwendungen für rechtliche und behördliche Angelegenheiten" und der Finanzierung der Auffanggesellschaften für die Betroffenen der BenQ-Pleite.

Und die Untersuchungen - durch Behörden wie durch von Siemens beauftragte Ermittler - gehen weiter. Zuletzt seien zusätzliche Bankkonten und Kassen an unterschiedlichen Orten aufgetaucht, die nicht in der Konzernbilanz erfasst wurden, teilte das Unternehmen mit. Siemens versucht nun herauszufinden, woher das Geld stammt und wem es gehört. Fazit: Es "verbleiben erhebliche Unsicherheiten".

Die Folge könnte sein, dass Siemens Steuern nachzahlen und den Konzernabschluss für das vergangene Geschäftsjahr korrigieren muss. Auch Geldbußen, Schadensersatz oder Ausschlüsse bei der öffentlichen Auftragsvergabe seien denkbar, warnt der Konzern vor seiner eigenen düsteren Vergangenheit.

Das Thema BenQ - eine der größten Pleiten des früheren Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld - könnte auch den neuen Konzernlenker Peter Löscher einholen. Wegen des nun beschlossenen Verkaufs der Autozuliefersparte VDO an den Konkurrenten Continental für 11,4 Milliarden Euro befürchtet die Gewerkschaft die Vernichtung von tausenden Arbeitsplätzen in Deutschland - wie einst in der Siemens-Handysparte nach deren Abgabe an den BenQ-Konzern. "Offensichtlich hat man aus dem BenQ-Debakel bei Siemens nichts gelernt", wetterte Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer. 

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