Peinliche Verzögerung

Siemens blamiert sich: ICE-Lieferprobleme

München - Die Verzögerung bei der Lieferung neuer ICE-Züge an die Bahn ist nicht nur peinlich für den Siemens-Konzern. Auch finanziell könnte das Debakel ein Nachspiel haben.

Um Bahnchef Rüdiger Grube auf die Palme zu bringen, reicht oft ein Wort: Siemens. Seit mehr als einem Jahr wartet die Bahn auf 16 ICE-Züge von Siemens - und bekommt sie einfach nicht. Aus seinem Ärger über den Münchner Konzern macht Grube schon lange keinen Hehl mehr und schimpft öffentlich über die Lieferqualität des deutschen Vorzeigekonzerns, mit der er „hochunzufrieden“ ist. Nun ist auch der bereits verschobene Liefertermin für die ersten acht Züge in letzter Minute geplatzt - und die Blamage für Siemens perfekt. Konzernchef Peter Löscher trifft das Debakel zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.

In einer knappen Mitteilung von neun Zeilen räumte Siemens am Mittwochabend sein Scheitern ein: „Übergabe von ICE-Zügen an Deutsche Bahn verzögert sich.“ Für die Bahn dürfte dies zwar nicht überraschend gekommen sein, schließlich hat sie selbst die Fehler bei Testfahrten festgestellt. Die Entscheidung fiel laut Bahn-Technikvorstand Volker Kefer schließlich am Dienstag, nachdem auch Überbrückungsprogramme die Aussetzer bei der Zugsteuerung nicht beheben konnten. Trotzdem war die Empörung in Berlin groß.

„Das tut uns schon weh“, klagte Fernverkehrschef Berthold Huber. Und münzte es gleich auf die Bahnkunden, die „sich von Siemens im Stich gelassen“ fühlen müssten. Die bekommen das freilich nur ernsthaft zu spüren, wenn die Bahn bei Eis und Schnee Ausfälle haben sollte. Dann kann sie keinen der neuen ICE als Ersatz ins Rennen schicken.

Die Reserve an Fernzügen ist seit Sommer 2008 ziemlich klein. Damals war ein ICE 3 in Köln mit Achsbruch entgleist. Als Konsequenz müssen seitdem die ICE 3 und ICE-T-Neigezüge für Achskontrollen häufiger in die Werkstatt. Die Bahn wird frühestens zum Jahreswechsel mit dem Austausch von rund 1200 Achsen beginnen, wie Kefer sagte. Die neue Achsen müssen dann fünfmal seltener geprüft werden. Der Austausch bei allen ICE wird sich aber zwei Jahre hinziehen.

Bahnmanager Kefer sprach von einem „breiten Problem“, das nicht nur Siemens betreffe. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie das insgesamt weitergehen wird.“ Er meinte damit nicht nur die hochkomplexe Technik, die die Hersteller häufiger als früher nicht im Griff haben. Es gehe auch um die Fahrzeugzulassung in Deutschland und den Nachbarstaaten, die viel zu lange dauere.

Siemens blieb am Donnerstag nur eine kleinlaute Entschuldigung: Man bedauere die neuerliche Verzögerung ausdrücklich. Schon die bisherigen Probleme waren ein herber Imageverlust für den Konzern, der auf seiner Homepage mit Kompetenz im Zuggeschäft wirbt: „Geschwindigkeit entscheidet - im Business und auf der Schiene.“

Von Tempo ist bei dem Bahnauftrag nun keine Rede mehr. Einen neuen Liefertermin will der Konzern vorsichtshalber nicht mehr nennen - um nicht noch einmal auf die Nase zu fallen. „Alle Beteiligten arbeiten mit Nachdruck daran, die aufgetretenen Probleme zu beheben“, heißt es nur. Die eigenen Produktionszeiten kann Siemens zwar planen - den aufwendigen Überwachungsprozess der neuen Züge aber nicht. Werden dort Nachbesserungen verlangt, kostet das Zeit.

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Auch finanziell dürfte das Bahn-Drama den Konzern treffen. Zu einer Vertragsstrafe wollten sich beide Seiten zwar nicht offiziell äußern - ungeschoren wird Siemens aber wohl kaum davonkommen. Konzernchef Löscher hat damit ein Problem mehr: Derzeit arbeitet er unter Hochdruck an einem Sparprogramm, mit dem er die Kosten des Konzerns in den nächsten zwei Jahren um mindestens sechs Milliarden Euro drücken will. Zusätzliche Ausgaben kann er da am wenigsten gebrauchen. Bislang hatte er sich mit Grube auf einen Gratis-ICE als Entschädigung für die Lieferpannen verständigt - aber auch der ist noch nicht auf den Gleisen.

dpa

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