Siemens: Dubiose Zahlungen an Chef von "Anti-Gewerkschaft"

- München -­ Bei den neuen Ermittlungen im Siemens-Konzern geht es offenbar um Millionen-Zahlungen des Unternehmens an den Chef der Mitarbeiterorganisation AUB. Pikant: Die Vereinigung geriert sich als Anti-Gewerkschaft und vertritt in Betriebsräten arbeitgeberfreundliche Positionen.

"DGB erstmals unter 50 Prozent!" So feiert die AUB derzeit auf ihrer Internetseite das vergleichsweise schwache Abschneiden des Deutschen Gewerkschaftsbunds bei den Betriebsratswahlen. Der Name AUB steht für "Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger". Doch das könnte sich nach den neuesten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth als Etikettenschwindel entpuppen.

Nach Informationen dieser Zeitung waren von den jüngsten Durchsuchungen an den Siemens-Standorten München, Nürnberg und Erlangen insbesondere Büros von Betriebsräten der AUB betroffen. Unter anderem sei das AUB-Büro in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacherplatz in München von Ermittlern unter die Lupe genommen worden. Dabei geht es nach Angaben der IG Metall um "ungeklärte Zahlungen" in Höhe von 14,5 Millionen Euro, die von Siemens an den AUB-Bundesvorsitzenden Wilhelm Schelsky geflossen sein sollen. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft betonte, dass man dem Verdacht von Steuerstraftaten nachgehe, wollte sich aber ebenso wie ein Siemens-Sprecher nicht zu weiteren Details äußern. Schelsky war gestern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Eine AUB-Sprecherin erklärte, dass nicht gegen die AUB, sondern gegen Schelsky persönlich ermittelt werde: "Das war die Privatseite des Unternehmers Wilhelm Schelsky." Sie glaube aber nicht, "dass der Dreck am Stecken hat".

Bei der IG Metall geht man davon aus, dass die AUB "von Siemens direkt und indirekt unterstützt wird", um den Einfluss der Gewerkschaft zu beschneiden. So habe sich die AUB, die nach eigenen Angaben 32\x0f000 Mitglieder vertritt, außergewöhnlich aufwändige Kampagnen für Betriebsratswahlen leisten können, obwohl sie vergleichsweise niedrige Mitgliedsbeiträge verlangt. Unter anderem seien von der Vereinigung Plakatflächen vor Siemens-Standorten angemietet und Lose der Lotterie "Bayernlos" großzügig verteilt worden. Die AUB-Sprecherin erklärte, dass die Organisation keine Unterstützung von Siemens erhalten habe. Ein Siemens-Sprecher wollte sich zu dieser Frage nicht äußern. Allerdings unterhält Schelsky offenbar seit Jahren eine enge Geschäftsbeziehung zu Siemens.

Nach Angaben der IG Metall agiert Schelsky neben seiner Tätigkeit als AUB-Chef, die er seit über 20 Jahren ausübt, auch als selbstständiger Unternehmensberater ­ unter anderem für Siemens. So soll er "sehr teure Seminare für Siemens-Manager geben" sowie Wachdienste für den Konzern organisiert haben. Offenbar ist aber fraglich, ob Zahlungen von Siemens an Schelsky in einem angemessenen Verhältnis zu diesen Leistungen standen. Einer Siemens-Mitteilung zufolge untersucht die Staatsanwaltschaft den "Verdacht, dass es zu Zahlungen ohne den Nachweis einer konkreten Gegenleistung" gekommen ist.

Schelsky, der früher Betriebsratsvorsitzender bei Siemens in Erlangen war, hat schon 1986 in einer Rede vor dem CDU-Parteitag ein klares Bekenntnis zu Arbeitgeber-Interessen abgelegt: "Stärken Sie bitte den Unternehmern den Rücken", sagte er dort.

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