Siemens: Ermittlungen gegen dritten Top-Manager

München - Nun ist es offiziell. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt im Skandal um schwarze Siemens-Kassen gegen die Sparte Stromübertragung, damit gegen einen zweiten Geschäftsbereich und führt nun einen dritten Topmanager als Verdächtigen. Das bestätigte ein Justizsprecher.

Beim ehemaligen Zentralvorstand, der neu in den Fokus der Fahnder gerückt ist, handle es sich um den Ex-Chef der Energiesparte Uriel Sharef. Dieser ist dem jüngsten Radikalumbau von Siemens-Chef Peter Löscher im Management zum Opfer gefallen und erst Ende 2007 aus der Führungsspitze ausgeschieden.

Auch Thomas Ganswindt und Heinz-Joachim Neubürger, die beiden anderen ehemaligen Siemens-Spitzenleute, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt, sind nicht mehr für den Konzern tätig und seinerzeit überraschend ausgeschieden. Sharef hat über einen Anwalt die Vorwürfe gegen ihn bestreiten lassen.

Insider gehen davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Ermittlungen der Staatsanwälte weitere Siemens-Sparten erreichen. Denn der Konzern hatte vor kurzem dubiose Zahlungen in sechs Geschäftsbereichen eingeräumt. Fragwürdige Gelder im Umfang von 449 Millionen Euro wurden im inzwischen aufgelösten Bereich Communications identifiziert, was den Skandal und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ins Rollen gebracht hatte.

Weitere 301 Millionen Euro hat Siemens im Kraftwerksgeschäft identifiziert, 88 Millionen Euro in der Zugsparte, 80 Millionen Euro bei der Sparte Stromverteilung, 44 Millionen Euro in der Medizintechnik und 24 Millionen Euro beim Geschäft mit Industriedienstleistungen. 258 Millionen Euro entfallen auf Regionalgesellschaften in aller Welt.

"Wir klären der Reihe nach auf", sagte ein Justizsprecher zum Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Es sei offen, ob noch gegen weitere Geschäftsbereiche ermittelt werde. Nicht jede dubiose Zahlung sei strafrechtlich relevant.

Weiterhin keinen Anfangsverdacht gebe es gegen den früheren Siemens-Chef Heinrich von Pierer. An anderer Stelle in der Justiz reagiert man auf Vorhaltungen, über von Pierer schwebe eine schützende Hand, zunehmend gereizt. "Es gibt für ihn keinen Persilschein", verteidigt sich ein Fahnder. Zum einen müssten sich die Ermittler unvermindert durch eine Flut von Akten, Aussagen und Hinweisen kämpfen. Zum anderen sei es ratsam, im Fall des einstigen Siemens- Lenkers erst dann über eigene Ermittlungen zu entscheiden, wenn es einen belastbaren Überblick über den gesamten Konzern und nicht nur wie derzeit Erkenntnisse über einzelne Sparten gebe.

Insgesamt sind bei Siemens nach eigenen Angaben 1,3 Milliarden Euro in dunklen Kanälen verschwunden. Den Schaden, den diese Affäre bislang verursacht hat, bezifferte der Konzern zuletzt auf 1,6 Milliarden Euro. Wenn in der Affäre ein Manager überführt wird, drohen ihm durch den Konzern Schadenersatzforderungen, die Millionenhöhe erreichen können. Bei der nächsten Aufsichtsratssitzung des Konzerns am 29. April soll auch dieses brisante Thema diskutiert werden.

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