Siemens gerät in rauhe See

München - Hausgemachte Fehler in der Sparte Stromübertragung kosten Siemens bis zu 800 Millionen Euro. Das wirft auch einen Schatten auf die Energiewende.

Siemens leidet schwer unter einem neuen Sanierungsfall. Das ist ausgerechnet das für die Energiewende in Deutschland so wichtige Geschäft mit der Stromübertragung. „Wir haben Fehler gemacht und die Komplexität komplett unterschätzt“, räumte Konzernchef Peter Löscher in ungewohnter Offenheit hinsichtlich vier Windparks in der Nordsee ein. Diese Parks soll Siemens auf hoher See für den Netzbetreiber Tennet ans deutsche Stromnetz anschließen.

Wegen fehlender Kompetenz im eigenen Haus verzögern sich mindestens zwei der Vorhaben um bis zu ein Jahr auf 2013, räumte Siemens-Finanzchef Joe Kaeser ein. Das kostet die Münchner im soeben beendeten zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2011/12 weitere 278 Millionen Euro. Insgesamt summieren sich die Kosten für die Stromprojekte auf See nun auf fast eine halbe Milliarde Euro. Diese Summe könnte bis Ende des Geschäftsjahrs Anfang Oktober um weitere 100 Millionen Euro wachsen, weil die Sparte vom neuen Chef Karlheinz Springer umgebaut werden müsse, bereitete Kaeser auf weitere Hiobsbotschaften vor.

Unter Druck sind nicht nur die Geschäfte in der Nordsee, sondern auch allgemein die Fertigung von Transformatoren und Schaltanlagen, wofür vor allem chinesische Billig-anbieter sorgen. Nicht bestätigen wollte Kaeser, dass nun ein Abbau von rund 500 Stellen droht. Springer, der seinen für die Misere verantwortlichen Vorgänger Udo Niehage zum ersten Mai ablöst, habe 100 Tage, um sich ein Bild von der Lage zu machen und Lösungen zu präsentieren.

Die Probleme mit den Windparks in der Nordsee haben nicht nur für Siemens einiges Gewicht. Anfang Mai kommen alle Betroffenen – Siemens, Lieferanten, Auftraggeber und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel – zu einer konzertierten Aktion in Sachen Stromanbindung zusammen, weil die jetzige Lage für die Energiewende nicht förderlich ist, stellte Kaeser klar. Für Verzögerungen sorge auch staatliche Bürokratie, die mit den Windparks und deren Verknüpfung mit dem deutschen Stromnetz regulatorisches Neuland betritt, ergänzte Löscher. Unter dem Strich mindert vor allem das Debakel in der Nordsee den Siemens-Gewinn dieses Jahr um 600 bis 800 Millionen Euro, räumte er ein. Um diese Summe mindert sich damit das bisherige Ergebnisziel von sechs Milliarden Euro aus fortgeführten Geschäften.

Nicht dazu zählt die ungeliebte und als Gemeinschaftsunternehmen von der finnischen Nokia geführte Netzwerktochter NSN. Auch sie ist aber eine große Last für Siemens. Der bei NSN beschlossene Abbau von global 17 000 Stellen und 3000 Stellen in Deutschland sorgt bei Siemens im zweiten Quartal für eine Ergebnisbelastung von 640 Millionen Euro.

Noch mal die gleiche Summe fällt bei Nokia an. Wann sich die Lage bei NSN endlich bessert, hält Siemens derzeit für unsicher. Abgesehen von den beiden Großbaustellen sei sein Konzern auf Kurs, sagte Löscher. Allerdings waren im zweiten Quartal die Auftragseingänge um konzernweit 13 Prozent auf knapp 18 Milliarden Euro rückläufig, wofür fast allein der Sektor Energie verantwortlich zeichnete. Die Umsätze legten parallel um knapp ein Zehntel auf gut 19 Milliarden Euro zu. Bis Geschäftsjahresende plant Siemens einen moderaten Umsatzzuwachs. Möglich seien auch Zukäufe in Milliardendimension, sagte Löscher, ohne aber konkret zu werden.

Von Thomas Magenheim-Hörmann

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