Siemens gibt die Handys auf: BenQ übernimmt Krisensparte komplett

- München - Siemens gibt die Handys auf. Der taiwanesische Elektronikkonzern BenQ übernimmt das komplette Geschäft mit weltweit über 6000 Mitarbeitern, 1500 davon in München. Um die Sparte loszuwerden, nimmt Siemens Kosten in Höhe von hunderten Millionen Euro in Kauf.

<P>Bis zum Herbst soll das Geschäft gelaufen sein. Dann soll BenQ die gesamten Handy-Aktivitäten von Siemens mit allen Mitarbeitern und Standorten übernommen haben. Und auch die Marke "Siemens" gehört dann für zumindest 18 Monate den Taiwanern. Danach können sie den Namen für weitere dreieinhalb Jahre eingeschränkt weiterbenutzen - zum Beispiel als "BenQ/Siemens". "Mit dieser Partnerschaft haben wir eine nachhaltige Perspektive für unser Mobiltelefongeschäft gefunden", erklärte Siemens-Vorstands-Chef Klaus Kleinfeld. Es war seit seinem Amtsantritt im Januar seine wichtigste Aufgabe, einen Partner für die verlustreiche Handy-Sparte an Land zu ziehen.<BR><BR>Bei der Transaktion zahlt Siemens drauf. Das Ergebnis vor Steuern wird dadurch heuer um 350 Millionen Euro schlechter ausfallen. Mit dem größten Teil davon wird die organisatorische Zusammenführung des Geschäfts bezahlt, etwa unterschiedlicher Produktplattformen und Patente, erklärte Kleinfeld.<BR><BR>Die gut 2000 Beschäftigten des Handy-Werks in Kamp-Lintfort (Nordrhein-Westfalen) hatten sich im vergangenen Jahr im Rahmen eines Ergänzungstarifvertrags zu längeren Arbeitszeiten bei gleichem Lohn bereit erklärt, um dafür eine Stellengarantie bis Mitte 2006 zu erhalten. Diese Vereinbarung werde weiter gelten. Dies sei "ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung für einen Käufer" gewesen, sagte Kleinfeld. Für alle anderen Standorte gibt es allerdings keine Bestandsgarantien von BenQ.<BR><BR>In Deutschland beschäftigt die Sparte rund 3500 Menschen. "Ich sehe den Schritt eher kritisch. Es wäre uns lieber gewesen, Siemens hätte eine Offensivstrategie gefahren und wäre nicht ausgestiegen", sagte Wolfgang Müller von der IG Metall. Man werde Gespräche über die Zukunft der Arbeitsplätze mit BenQ führen. "Wir stellen uns weitere Garantien vor." Es sei auch denkbar, dass Stellen- oder Standortzusagen mit Siemens vereinbart werden könnten, bevor der Übergang der Sparte an BenQ wirksam wird. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ralf Heckmann sagte, er sehe in der Transaktion nicht unbedingt eine Verschlechterung aus Sicht der Beschäftigten. Es käme auf die konkrete Ausgestaltung des Übernahme-Vertrags an. Der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Georg Nassauer, bezeichnete den Schritt als "drittbeste Lösung".<BR><BR>Die Zentrale der weltweiten Handy-Aktivitäten von BenQ - die der bisherige Siemens-Mann Clemens Joos leiten wird - soll in München angesiedelt werden. "Das ist wohl ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen in Europa auf das Netzwerk von Siemens voll zurückgreifen wird", urteilt Roland Pitz, Analyst der HypoVereinsbank. "Es wird weiterhin sehr viel Siemens drin sein, was die industrielle Seite betrifft." Die Kapital-Beteiligung von Siemens geht gegen null. Die Münchner kaufen für 50 Millionen Euro BenQ-Aktien, was einem Anteil von etwa 2,5 Prozent entspricht. Die inländischen Standorte seien unter dem Dach von BenQ gefordert, im weltweiten Vergleich wettbewerbsfähig zu produzieren. "Aber das wären sie bei Siemens auch."<BR><BR>Der Chef des taiwanischen Konzerns, Lee Kuen-Yao, betonte, man setze in erster Linie auf eine Wachstumsstrategie. Er kündigte aber auch Kostensenkungen an. Dazu werde man in Verhandlungen mit Zulieferern eintreten. Das betrifft insbesondere den Münchner Halbleiter-Konzern Infineon, der etwa ein Drittel seines Mobilfunk-Geschäfts mit seinem ehemaligen Mutterkonzern Siemens macht.<BR><BR>Infineon-Vorstands-Chef Wolfgang Ziebart begrüßte die Abgabe der Sparte an BenQ: "Der neue Global Player übernimmt auch die Technologieplattform der Handysparte von Siemens, an der wir maßgeblich beteiligt sind. Die Planungssicherheit ist nicht nur gut für Siemens, sondern auch für Infineon." BenQ verfügt nicht über eine eigene Halbleiter-Entwicklung. Damit sei Infineon "gut positioniert, für die bisherigen Siemens-Aktivitäten Zulieferer zu bleiben", urteilte ein Börsianer. Der Großkundenverband "Justsave" begrüßte, dass es "endlich eine klare Richtung gibt". Eine Sprecherin des Mobilfunkbetreibers O2 sagte, man arbeite bereits mit BenQ zusammen und glaube, dass "es eine gute Lösung ist".</P>

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