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Der Chefaufseher von Siemens Gerhard Cromme musste sich gegen Vorwürfe wegen des Chaos bei der Ablösung von Vorstandschef Peter Löscher verantworten.

Siemens-Hauptversammlung

Ein Kontrolleur im Kreuzfeuer

München - Siemens hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Bei der Hauptversammlung geriet vor allem einer in die Kritik: Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Der ging in die Offensive und versprach, sich um seine eigene Nachfolge zu kümmern.

Manchmal liegt die Wahrheit im Versprecher: „Neben Herrn Löscher haben drei weitere Vorstände im vergangenen Jahr Siemens entlassen“, sagt Gerhard Cromme, der Aufsichtsratschef des Münchner Industriekonzerns. Natürlich meint er eigentlich „verlassen“, doch richtig ist auch, dass die Abgänge meist nicht wirklich freiwillig waren. Insbesondere der Wechsel auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden von Peter Löscher zu Joe Kaeser ging nicht wie oft behauptet einvernehmlich – und schon gar nicht geräuschlos – über die Bühne.

Das lasten die Siemens-Aktionäre vor allem Cromme an. Mit teils heftigen Worten kritisierten die Anteilseigner bei der gestrigen Hauptversammlung den Chefkontrolleur. „Wie konnte es zu diesem Machtkampf kommen?“, fragte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die Ablösung Löschers sei „äußerst unprofessionell, fast dilettantisch gewesen“. „Dieses Chaos hat Siemens geschadet.“ Auch der Aktionärsvertreter von Union Investment, Ingo Speich, griff Cromme scharf an: Er habe eine „beispiellose Schlammschlacht“ zu verantworten. Die Kritik an Löscher sei schon bekannt gewesen, bevor man dessen Vertrag verlängert habe. Der Aufsichtsrat müsse sich deshalb zuschreiben lassen, dass Löscher 17 Millionen Euro Abfindung bekommen hat. „Der goldene Handschlag für Herrn Löscher war ein Schlag ins Gesicht der Aktionäre.“

Bergdolt und Speich forderten Cromme auf, seine eigene Nachfolge zu regeln. „Sie wollten nicht die ganze Amtszeit erfüllen, das sollte auch heute noch gelten“, sagte Bergdolt.

Der 71-jährige Cromme sah sich durch die heftige Kritik zu ungewohnt offenen Worten veranlasst. Es gebe „eine Reihe von Gerüchten und Verschwörungstheorien“, gab er vor rund 7700 Aktionären in der Münchner Olympiahalle zu. Er habe intensive Gespräche mit Löscher im Jahr vor dessen Ablösung geführt. Doch als im Juli eine erneute Gewinnwarnung anstand, wollte Löscher nicht freiwillig gehen. Dass ein Aufsichtsrat die Ergebnisse der Sitzung, in der Löschers Ablösung beschlossen wurde, an die Medien weitergab, sei ein „einmaliger Vorgang“, sagte Cromme. „Dieses Verhalten hat mich persönlich zutiefst verletzt.“ Im Verdacht steht der inzwischen aus dem Kontrollgremium ausgeschiedene Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Es lasse sich nicht nachweisen, wer geplaudert habe, sagte Cromme. Derjenige habe „Siemens massiv geschadet, Herrn Löscher und auch mich beschädigt“. Er nehme die Nachfolgeplanung „sehr ernst“, beteuerte Cromme. „Es gibt keine heiligen Kühe, alles ist möglich.“

Der erste Auftritt des neuen Vorstandschefs Joe Kaeser bei einer Hauptversammlung geriet in den Hintergrund. Kaeser hatte zuvor solide Zahlen für das am 1. Oktober begonnene erste Quartal des Geschäftsjahres vorgelegt (siehe Grafik). Details zur strategischen Neuausrichtung des Konzerns will er erst im Mai bekannt geben. „Dann muss was kommen“, forderte Bergdolt. „Sie bekommen Vorschusslorbeeren, abgerechnet wird nicht heute, sondern in einem Jahr.“

Allzu große Veränderungen sind wohl nicht zu erwarten. „Unser Unternehmen ist kein Sanierungsfall“, stellte Kaeser klar. Angesichts des wieder gestiegenen Auftragsbestands deutete er an, dass sich „die Beschäftigung stabilisieren“ werde. Als Garantie, dass die Mitarbeiter nach dem Sparprogramm „Siemens 2014“ keine weiteren Stellenstreichungen zu befürchten haben, will Kaeser das aber nicht verstanden wissen. Es sei „nie ausgeschlossen, dass es auch weiterhin strukturelle Änderungen gibt".

Philipp Vetter

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