Siemens: Ein Konzern verklagt seine einstige Elite

München - Siemens zerrt ehemalige Vorstände zwecks Schadenersatz vor Gericht. Überführte Manager müssen voraussichtlich persönlich haften. Der einstige Konzernchef Heinrich von Pierer zeigt sich betroffen.

Siemens fordert von elf ehemaligen Topmanagern Schadenersatz. Auch bei der Siemens- Ikone Heinrich von Pierer macht der Aufsichtsrat unter Gerhard Cromme keine Ausnahme. Dieses beispiellose Vorgehen dürfte in der heimischen Wirtschaft nicht unbeachtet bleiben, zumal es für die Betroffenen um viel geht. Verliert ein ehemaliger Topmanager von Siemens seinen Schadenersatzprozess, kann ihn das wegen der Dimension der Siemens- Schmiergelder hohe Millionensummen kosten. Zwar gibt es spezielle Haftpflichtversicherungen für Manager.

Die sollen im Fall von Siemens aber in der Summe auf 250 Millionen Euro gedeckelt sein. Außerdem zahlt die Assekuranz nicht, wenn den Betroffenen vorsätzliches Handeln nachgewiesen wird, sagen Experten. Für schadenersatzpflichtige Siemens-Manager bestehe deshalb die Gefahr, dass sie persönlich haften müssen.

Sie erwarten in jedem Fall langwierige Prozesse. Die Anwälte der nun in Regress genommenen Ex-Manager wollten sich zu den Schadener- satzklagen mit einer Ausnahme vorerst nicht äußern. Nur Pierer-Anwalt Winfried Seibert spricht. "Mein Mandant nimmt die Entscheidung des Aufsichtsrats mit großer Betroffenheit und Bedauern zur Kenntnis", erklärte er wortkarg. Von Pierer werde sich gegen die Vorwürfe und angekündigten Klagen zur Wehr setzen. Bislang hatte der ehemalige "Mister Siemens" jede Mitschuld im Komplex der schwarzen Kassen von sich gewiesen.

Im Umfeld der jetzt von Klagen bedrohten Manager war von einem "Schadenersatz- Theater mit hohem Symbolgehalt" die Rede. In jedem Fall müsse die strafrechtliche Seite entschieden sein, bevor über Schadenersatz verhandelt werden könne. Zudem gebe es in der früheren Siemens- Führungsriege ein sehr unterschiedliches Maß der Betroffenheit. Zum Beispiel sei Kleinfeld erst relativ spät ins Topmanagement gekommen und dort "verschärft" gegen Korruption vorgegangen. Vertraute der nun beklagten Ex-Manager zeigten sich auch verwundert, dass nur frühere Vorstandsmitglieder in Regress genommen werden, nicht aber frühere Aufsichtsräte. Vor allem Cromme habe zu den Zeiten der Korruptionsverstöße an zentraler Position Verantwortung getragen, werde aber nicht zur Rechenschaft gezogen. Die internen Siemens-Ermittler der US-Rechtsanwaltskanzlei Debevoise, auf deren Erkenntnisse sich die Schadenersatzklagen stützen, haben Mitglieder des Aufsichtsrats bislang immer von einer Mitschuld freigesprochen.

Staatsanwaltschaften in München und Nürnberg führen große Teile des nun in Regress genommenen Ex-Führungspersonals als Verdächtige in den beiden Siemens-Affären um schwarze Kassen und die verdeckte Finanzierung der als Anti-Gewerkschaft geltenden AUB. Gegen von Pierer sowie andere Ex- Vorstände und -Aufsichtsräte läuft ein Ordnungswidrigkeitenverfahren. Dabei geht es um den Vorwurf der Pflichtverletzung in der Affäre um schwarze Kassen, was mit maximal einer Million Euro bestraft werden kann. Da die Ermittlungen im Komplex schwarzer Kassen aber immer noch laufen, ist es möglich, dass die Verfahren noch in strafrechtlich relevante Ermittlungen überführt werden. Dann droht den Betroffenen eine Haftstrafe.

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