„Früher waren wir wie eine Familie“

Siemens: In der Münchner Belegschaft geht die Angst um

München - „Ein Unternehmen, dem die Mitarbeiter nichts wert sind, das ist mir auch nichts wert“: So denken einige der Münchner Siemens-Belegschaft. Trotzdem geht die Angst um. 

Eigentlich wollte er sich heute am liebsten krank melden, sagt Martin Schneider*. Zu sehr ärgert den Münchner die Nachricht vom erneuten Jobkahlschlag bei seinem Arbeitgeber Siemens. „Ein Unternehmen, dem die Mitarbeiter nichts wert sind, das ist mir auch nichts wert.“

Aber natürlich macht der Mann mittleren Alters, der nach eigener Aussage bereits seit den 1990-er Jahren bei Siemens in der Landeshauptstadt arbeitet, nicht einfach blau. Als Siemens-Mitarbeiter habe er ohnehin eine „gewisse Routine in Sachen Stellenabbau“.

Wer am Donnerstag vor dem Werkstor des Standorts München-Neuperlach mit Mitarbeitern spricht, hört solche Sätze ein ums andere Mal. „Schon wieder heißt es für uns Münchner erst einmal abwarten, wie stark uns der aktuelle Arbeitsplatzabbau treffen wird“, sagt eine Frau, die gerade in Richtung Mittagspause eilt.

Sie sei zwar froh, dass sie nach über einem Jahrzehnt bei der Firma einen weitgehenden Kündigungsschutz genieße. „Doch natürlich mache ich mir Sorgen, schließlich habe ich Familie“, sagt die Frau Mitte 40.

Rätselraten, wie viele Stellen in München wegfallen

Bislang herrscht Rätselraten, wie viele Stellen in München wegfallen sollen – 2200 Jobs will der Konzern bundesweit streichen. Bei der IG Metall heißt es auf Anfrage, es sei noch völlig unklar, ob und in welchem Umfang München vom Jobabbau betroffen sei.

Sicher sei bislang nur, dass einzelne Standorte wie Berlin weit stärker bluten müssten. Da München jedoch auch einen Teil der Verwaltung der von den Einsparungen vor allem betroffenen Energiesparte beheimatet, werde wohl auch München nicht ungeschoren bleiben. Das heißt es zumindest aus dem Unternehmensumfeld.

Zudem will Siemens nach eigenen Angaben auch in den 13 ertragsschwächsten Geschäftsfeldern die Zahl der Mitarbeiter verringern. Dieses Sparprogramm könnte ebenfalls Arbeitsplätze an der Isar kosten.

Unruhe bei Teilen der Belegschaft groß

Am Standort München-Neuperlach ist die Unruhe bei Teilen der Belegschaft jedenfalls groß. „Klar haben manche Angst“, sagt eine Siemens-Mitarbeiterin. Auch zwei Zeugen Jehovas haben einen kleinen Stand unweit des Werkstors aufgebaut.

Ob sie den verunsicherten Mitarbeitern geistigen Beistand geben wollen oder gar auf Seelenfang sind? „Nein, wir stehen hier eigentlich immer“, sagt eine junge Frau, die die Zeugen-Postille „Wachturm“ in den Händen hält.

Ein Rentner, der bis zu seinem Ruhestand drei Jahrzehnte lang bei Siemens arbeitete, kommt gerade aus der Betriebskantine und kann sich kaum zurückhalten: „Früher waren wir bei Siemens wie eine Familie.“ Doch vieles habe sich verändert, schimpft er. Er arbeitete früher am traditionsreichen Areal in der Hofmannstraße – doch längst spielt der Name Siemens dort keine Rolle mehr. Tausende verloren am früheren Sitz der Kommunikationsparte in den vergangenen beiden Jahrzehnten ihre Arbeit.

Ein Mitarbeiter, der einen grünen Trachtenhut trägt, glaubt derweil: „Dort , wo ich arbeite, bei Siemens Building Technologies, kann man gar keine Stellen mehr abbauen. Wir sind eh schon so wenige.“ 15 Jahre sei er nun schon bei der Firma. Diesmal werde der Kelch an München vorüberziehen, hofft der Mann.

Doch es gibt auch andere Stimmen: „Ich kann den Vorstand verstehen“, sagt ein Mann im Business-Anzug. Die Automatisierung schreite voran.

Klar, dass die Firma davon profitieren wolle und am Ende deshalb auch Stellen abbaue. „So funktioniert Marktwirtschaft eben.“ Martin Schneider teilt diese Ansicht freilich nicht: „Siemens macht Milliarden-Gewinne. Da sollten auch die Mitarbeiter profitieren“, sagt er, bevor er in Richtung U-Bahn geht.

*Name geändert

Tobias Lill 

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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