Ein Neuer und ein Alter: Während Joe Kaeser (links im Bild) nur den Posten innerhalb des Vorstands wechselte, den er jetzt leitet, ist sein Nachfolger als Finanzvorstand Ralf Thomas neu im Gremium.

100-Tage-Bilanz

Siemens: Der neue Chef will zupacken

München/Berlin - Seit 100 Tagen ist Joe Kaeser Siemens-Chef. Gestern hat er seine erste Bilanz vorgelegt. Viel verrät er noch nicht über seinen künftigen Kurs, klar ist nur: Es soll sich was ändern. Vor allem die vielen teuren Pannen soll es nicht mehr geben.

Auf den ersten Blick ist noch alles beim Alten. Wie schon im vergangenen Jahr scharen sich die Journalisten nach der Vorstellung der Siemens-Jahresbilanz um Joe Kaeser. Doch es gibt einen Unterschied: Inzwischen ist Kaeser nicht mehr nur der Schatten-Chef, sondern tatsächlich der Boss – und im Abseits steht nicht mehr Peter Löscher. Am 1. August wurde Kaeser, der ehemalige Finanzvorstand, Löschers Nachfolger, nachdem der zum zweiten Mal in einem Jahr seine Prognosen nach unten korrigieren musste.

Nun sitzt Kaeser nicht mehr links außen, sondern in der Mitte des Podiums. Und nicht nur die Journalisten warten in der Berliner Verwaltungszentrale auf Antworten, wie es weitergehen soll mit dem Münchner Konzern, wenn im kommenden Jahr das schmerzhafte Sparprogramm abgeschlossen ist. Mit im Saal sitzen auch 80 ausgewählte Mitarbeiter. Transparenz soll das zeigen, denn nichts hat in den ersten Monaten von Löschers Amtszeit für mehr Ärger gesorgt als die unglückliche Verkündung, dass dem Sparprogramm „Siemens 2014“ insgesamt 15 000 Stellen zum Opfer fallen. Es sei ja nicht um neue Zahlen gegangen, sondern nur um die Addition bekannter Werte, sagt Kaeser. „Das war nicht sehr hilfreich und hat wieder für neue Aufregung gesorgt“, gibt er zu. Er wolle wieder mehr mit den Mitarbeitern sprechen. „Ich habe den Eindruck, dass die Leute darauf gewartet haben, dass wieder jemand mit ihnen redet.“ Es ist ein weiterer Seitenhieb auf seinen Vorgänger. „Die Stimmung im Unternehmen war viel schlechter als die Lage.“

Tatsächlich ist die Lage nicht so schlecht – aber eben auch nicht gut. Siemens ist im Rennen mit seinen Wettbewerbern zurückgefallen. Im vergangenen Geschäftsjahr, das am 30. September endete, fiel der Umsatz um ein Prozent auf 75,9 Milliarden Euro, der Gewinn lag bei 4,4 Milliarden Euro (siehe Grafik). „Können wir zufrieden sein? Leider nicht wirklich“, sagte Kaeser.

Das liegt auch an den hohen Abschreibungen auf Großprojekte. Eine ganze Pannen-Serie hat Siemens hingelegt, von den Problemen beim Anschluss von Windparks vor der Küste an das Stromnetz bis zu den immer noch nicht gelieferten neuen ICEs. Auf rund 900 Millionen Euro summieren sich diese Sonderbelastungen im vergangenen Jahr. Sie liegen damit sogar noch über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre von 700 Millionen Euro – und selbst der sei „viel zu hoch“, gibt der Finanzvorstand Ralf Thomas zu. „Das muss aufhören.“ Der Konzern sei zu große Risiken eingegangen.

Warum man ihm glauben solle, dass nun der Kulturwandel kommt, wird Kaeser gefragt. Schließlich gehörte er auch in der Vergangenheit schon dem Vorstand an. „Es hat sich ein bisschen was verändert“, sagt Kaeser. Früher habe er Ratschläge erteilt, jetzt gebe er die Richtung vor. „Das ist ein Unterschied.“

In welche Richtung der Konzern steuern soll, will Kaeser erst im Mai bekanntgeben. Auch bei der Prognose bleibt er nach den Erfahrungen seines Vorgängers sehr vorsichtig. Der Umsatz soll auf dem Vorjahresniveau stagnieren, die Rendite um zwei bis drei Punkte von derzeit mageren 7,5 Prozent steigen. Rechnet man die Kosten des Sparprogramms von 1,3 Milliarden Euro heraus, die im vergangenen Jahr einmalig angefallen sind, dürfte dieses Ziel leicht zu erreichen sein. Als neue Zielgröße will Kaeser den Gewinn nach Steuern pro Aktie einführen. Er soll von derzeit 5,08 Euro um mindestens 15 Prozent steigen. Die Dividende soll stabil bei drei Euro bleiben, für weitere vier Milliarden Euro will Kaeser Aktien zurückkaufen.

Und noch eines macht der neue Vorstandschef anders. Er stellt offen Forderungen an die Politik. Am Vorabend hatte Kaeser mit der Kanzlerin gesprochen. Nun fordert er Korrekturen bei der Energiewende. Sie sei zwar „gut gemeint“ gewesen, aber „überhastet, unüberlegt und nicht in den europäischen Kontext eingebettet“ umgesetzt worden. Das müsse sich ändern, damit deutsche Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben. „Unternehmen haben mehr zu verlieren als nur eine Wahl“, sagt Kaeser.

Philipp Vetter

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