Siemens-Prozess: Finanzchef macht Ex-Kollegen Vorwürfe

München - Im ersten Prozess um den Schmiergeldskandal bei Siemens hat Finanzvorstand Joe Kaeser Defizite in der früheren Konzernstruktur eingeräumt und ehemaligen Manager-Kollegen Versäumnisse vorgeworfen. Er selbst habe von Bestechung nichts gewusst, sagte er.

Der Zeuge Josef Käser lächelte in die Fernsehkameras und drehte sich ins Blitzlicht der Fotografen, ehe er gestern vor dem Landgericht München schilderte, was er alles nicht gewusst hat über schwarze Kassen und Bestechung in Milliardenhöhe bei Siemens.

Er - der vor 50 Jahren im Bayerischen Wald geboren wurde und im Lauf seiner Manager-Karriere entschied, sich Joe Kaeser zu nennen - ist als Finanzchef die Nummer zwei im Unternehmen und der ranghöchste Zeuge, den der Vorsitzende Richter Peter Noll zu Gesicht bekommt. Ehemalige Top-Manager wie Heinrich von Pierer beriefen sich auf ihr Recht, die Aussage zu verweigern, weil sie sich womöglich selbst belasten könnten.

"Ich möchte vorausschicken, dass ich Herrn S. nicht kenne", hob Kaeser zu seiner Aussage an. Herr S. ist der Angeklagte und nach eigenem Geständnis verantwortlich dafür, dass aus der ehemaligen Kommunikationssparte von Siemens über 50 Millionen Euro in schwarze Kassen flossen.

Auch für das Mobilfunkgeschäft, in dem Kaeser von 2001 bis 2004 als Bereichsvorstand für Finanzen tätig war, hat der Angeklagte demnach zeitweise Schmiergeldabflüsse organisiert. Nach Darstellung der Verteidigung wurden in diesem Geschäft fragwürdige Zahlungen in Höhe von 240 Millionen Euro entdeckt. Doch Kaeser beteuerte, dass er von derartigen Vorgängen nichts gewusst habe: "Mir war das Thema grundsätzlich völlig fremd." Er habe aus der Zeitung von den Vorgängen erfahren und "war bestürzt, dass es so was gibt", berichtete der Manager. Er hätte sich gewünscht, dass der Angeklagte einst den Kontakt zu ihm gesucht hätte.

Dann hätte man das Unternehmen vor großem Schaden bewahren können. "Für mich ist das Thema Bestechung, schwarze Kassen eines, das in meinen Werten nicht vorkommt", sagte er und begann - "Hohes Gericht, verehrte Damen und Herren" - einen Vortrag über das Gute im Siemensianer: "Das Unternehmen ist keine Heerschar von kriminellen Geschöpfen."

Zumindest eine gewisse Anzahl solcher Wesen muss es aber gegeben haben. Denn Kaeser räumte ein, dass Bestechung "systematisch und mit einer beachtlichen Akribie geplant" war. Das Schmieren war so verbreitet, dass eine konzernweite Überprüfung fragwürdige Zahlungsströme von 1,3 Milliarden Euro aufgedeckt hat. Und Kaeser konnte nicht ausschließen, dass sich diese Zahl noch erhöht. Die Untersuchungen seien nicht abgeschlossen.

Wie konnte es also zu all dem kommen? "Ich gebe zu, dass man so etwas - mit dem Wissen von heute - hätte merken müssen", gestand Kaeser. Es sei ihm unverständlich, dass "das Unternehmen auf Warnhinweise nicht reagiert" habe. "Man hätte den Themen nachgehen müssen."

Das Fiasko habe strukturelle Gründe. So sei Siemens "zu fragmentiert" aufgestellt gewesen. Die Bereiche seien zu wenig zentral kontrolliert worden. Aber man dürfe nicht übersehen, dass es "keine kleinen Angestellten" gewesen seien, die hinter dem Korruptionssystem standen, sondern Mitglieder des oberen Führungskreises.

"Ich halte das für eine kapitale Degeneration des Rechtsempfindens", fasste Kaeser seine (Ex-)Kollegenschelte zusammen. Auch die Wirtschaftsprüfer von KPMG bekamen ihr Fett weg. "Natürlich hätte man sich gewünscht, dass die Prüfer solche Dinge erkennen und dem Unternehmen melden." Er selbst hätte "niemals unrechtmäßige Handlungen akzeptiert, geschweige denn gedeckt". Aber er hat ja nichts gewusst.

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