Siemens schockiert mit Gewinnwarnung - Aktie auf Talfahrt

-

München (dpa) - Der Elektrokonzern Siemens hat wegen Problemen bei Großprojekten seine Gewinnerwartung für das laufende Geschäftsjahr gesenkt und damit die Börsen schockiert.

Im laufenden zweiten Quartal 2007/08 (30. September) sei wegen der Schwierigkeiten mit einer Ergebnisbelastung von rund 900 Millionen Euro zu rechnen, teilte das Unternehmen in der Nacht zum Montag in München mit. "Wir haben unsere Sparten neu ausgerichtet und dabei auch den Stand von Großaufträgen unter die Lupe genommen", sagte Siemens-Chef Peter Löscher bei einer Telefon-Konferenz. "Diese Belastungen waren für uns zuvor nicht sichtbar. Nun liegen die Dinge schonungslos offen." Die Siemens-Aktien stürzte daraufhin am Montag ab: Zeitweise brachen die Papiere um 20 Prozent ein auf unter 65 Euro und notierten damit auf dem niedrigsten Stand seit Herbst 2006. Bei den Beschäftigten sorgte die Gewinnwarnung für Verunsicherung.

Mit rund 600 Millionen Euro entfalle der Löwenanteil der Belastungen auf den Kraftwerksbau, sagte Löscher. Weitere 200 Millionen Euro stammen aus dem Bahngeschäft. Hier verzögerten sich die Auftragsvergabe für den Ausbau der Magnetschwebebahn Transrapid in China weiter. Außerdem gebe es weitere Belastungen aus der fehlkonstruierten Niederflur-Straßenbahn "Combino". Die verbleibenden 100 Millionen Euro fallen bei Siemens IT Solutions and Services an. So habe ein Kunde in Großbritannien einen Großauftrag storniert. "Siemens geht davon aus, dass dies der größte Teil der zusätzlichen Belastungen in 2008 ist", hieß es in der Mitteilung. Die Ziele für 2010 bestätigte das Unternehmen. Für 2009 sei "eine klare Entwicklung" in Richtung dieser Ziele zu erwarten.

Auf der Hauptversammlung im Januar hatte Löscher die Ziele für das laufende Geschäftsjahr noch bekräftigt. Demnach sollte der Umsatz des Konzerns von zuletzt 72,5 Milliarden Euro im fortgeführten Geschäft doppelt so schnell zulegen wie die Weltwirtschaft und das operative Ergebnis nochmals doppelt so stark. Im vergangenen Geschäftsjahr 2006/07 kam Siemens auf ein operatives Ergebnis der Bereiche im fortgeführten Geschäft von 6,5 Milliarden Euro.

Im Kraftwerksbau habe man nicht mit den Produkten Probleme, sagte Sektor-Chef Wolfgang Dehen. Vielmehr seien angesichts der regen Kraftwerks-Nachfrage die Kapazitätsgrenzen überschritten worden, daher leide Siemens unter Lieferschwierigkeiten bei Einzelteilen und unter einem Mangel an erfahrenen Projektingenieuren. Auch die Einarbeitung neuer Leute brauche Zeit. "Mit unseren Produkten haben wir keine Schwierigkeiten", sagte Dehen. "Wir haben die Hauptursachen identifiziert und Vorkehrungen getroffen."

Siemens-Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann sagte der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstag), man habe große Sorge, dass dies Arbeitsplätze kosten werde und die Beschäftigten für "Managementfehler" büßen müssten. Viele Betriebsräte seien außerdem "fürchterlich wütend" darüber, dass Löscher sie nicht vorgewarnt, sondern mit dieser Nachricht überrascht habe. "Wir haben voll eine in die Schnauze gekriegt", sagte Heckmann der Zeitung. Dagegen verlautete aus dem Aufsichtsrat dem Bericht zufolge, es sei kein zusätzlicher Stellenabbau zu erwarten. "Für die Masse der Belegschaft sehe ich keine Gefahr", sagte ein Mitglied des Kontrollgremiums der Zeitung. Löscher habe volle Rückendeckung für seinen Kurs, alle Risiken offenzulegen.

In seinem Neugeschäft sieht sich Siemens derweil im Plan. Die operative Ausrichtung des Neugeschäfts stimme, sagte Löscher. Auch im konjunktursensiblen Geschäft sehe er in der Breite keine Bremsspuren. Daher blieben die Ziele für 2010 unverändert bestehen. Über die Gewinnerwartungen für 2008 und 2009 will sich Löscher erst zu einem späteren Zeitpunkt äußern. "Der Fahrplan nach vorne ist intakt", sagte der Siemens-Chef.

Löscher und Finanzvorstand Joe Kaeser deckten sich derweil am Montag mit Aktien des eigenen Unternehmens ein. Wie das Unternehmen am Nachmittag bekanntgab, kaufte Löscher weitere 50 000 Siemens- Aktien im Wert von gut 3,3 Millionen Euro mit privaten Mitteln an der Frankfurter Börse. Auch Kaeser habe sein Engagement in Siemens-Aktien aufgestockt und 3000 Aktien für rund 198 000 Euro gekauft.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Investor interessiert am insolventen Küchenbauer Alno
Pfullendorf (dpa) - Für die Belegschaft des insolventen Küchenbauers Alno gibt es wieder etwas Hoffnung. In der kommenden Woche würden Gespräche geführt mit einem …
Investor interessiert am insolventen Küchenbauer Alno
BMW verärgert über Kronzeugenanträge von Daimler und VW
München (dpa) - BMW ist verärgert über die Anträge von Daimler und Volkswagen, im Fall des Kartellverdachts gegen die deutsche Autoindustrie als Kronzeugen zur …
BMW verärgert über Kronzeugenanträge von Daimler und VW
Kaufhof-Mutter HBC trennt sich von Chef Storch
Die Warenhauskette Kaufhof steckt in der Krise - wie auch die kanadische Mutter HBC. Nun verlässt HBC-Chef Storch den Konzern. Kaufhof gibt sich gelassen.
Kaufhof-Mutter HBC trennt sich von Chef Storch
EU-Kommission erwartet Aufholjagd bei schnellem Internet
Europa hängt bei Zukunftstechnologien in wichtigen Bereichen hinterher. Doch nach dem jüngsten EU-Gipfel können Online-Shopper und Nutzer des mobilen Internets hoffen.
EU-Kommission erwartet Aufholjagd bei schnellem Internet

Kommentare