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Dutzende Aktenordner füllt das Schmiergeld-Verfahren gegen ehemalige Siemens-Mitarbeiter inzwischen. Zu den wichtigsten Seiten gehört die Aussage von Reinhard Siekaczek, der die schwarzen Kassen organisiert hat. (Symbolbild)

Siemens: Schwarzer-Peter-Spiel mit schwarzen Kassen

München - Im Schmiergeld-Prozess gegen den Ex-Siemens-Vorstand Thomas Ganswindt hat einer der Organisatoren der schwarzen Kassen ausgesagt. Reinhard Siekaczek belastete seinen ehemaligen Chef. Er will ihn selbst über Bestechungszahlungen informiert haben.

München - Was Reinhard Siekaczek genau gesagt hat, weiß er heute nicht mehr. Es ist auch schon sieben Jahre her, dass er ins Büro seines damaligen Chefs, des Siemens-Vorstands Thomas Ganswindt, gegangen war und über das Geld sprechen wollte. „Ich kann Ihnen nicht sagen, ob ich Schmiergeldzahlungen gesagt habe oder schwarze Kassen oder nützliche Aufwendungen oder diskrete Zahlungen“, sagt Siekaczek. „Aber es war klar, dass wir gegen Recht und Gesetz verstoßen.“ Und Ganswindt habe die Brisanz des Gesprächs Anfang 2004 durchaus erkannt: „Er hat diese komische Rausch-Anlage eingeschaltet, damit von außen niemand zuhören kann“, erinnert sich Siekaczek.

Die Aussage des inzwischen 60-jährigen Ex-Mitarbeiters vor dem Landgericht München bringt Ganswindt in Erklärungsnot. Der Staatsanwalt wirft dem ehemaligen Vorstand vor, von Bestechungen gewusst, aber nichts unternommen zu haben. Eine vorsätzliche Verletzung der Aufsichtspflicht und Steuerhinterziehung habe er damit begangen. Ganswindt bestreitet die Vorwürfe. Im Gegensatz zu anderen ehemaligen Vorständen hat er sich nicht mit den Ermittlern geeinigt und auch einen Vergleich mit Siemens abgelehnt.

Siekaczek kann auf dem Zeugenstuhl offen sprechen, denn sein Verfahren ist abgeschlossen. Er hatte gestanden, einer der Organisatoren des Systems der schwarzen Kassen bei Siemens gewesen zu sein. Siekaczek wurde dafür zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und zur Zahlung von 108 000 Euro verurteilt. „Es gab lange Zeit ein System für diskrete Zahlungen“, sagt er gestern noch einmal vor Gericht. Siemens-Manager in mehreren Ländern hätten bei ihm Bestechungsgelder bestellt und er habe die Zahlungen über Treuhänder veranlasst. „Das System wurde von vielen Leuten gekannt und benutzt.“ Er habe es von seinem Vorgänger übernommen. „Da ist der Schwarze Peter bei mir gelandet“, sagt er. Es klingt verbittert. Doch vor Gericht will er den Schwarzen Peter nun weitergeben. Denn die entscheidende Frage lautet: Was wusste Ganswindt?

Glaubt man Siekaczek, musste sein Chef wissen, dass im Konzern und insbesondere in seiner Kommunikationssparte geschmiert wurde. Siekaczek und andere Mitarbeiter hätten sich geweigert, die sogenannte Compliance-Erklärung zu unterschreiben. „Wir sollten unterschreiben, dass wir edel, hilfsbereit und gut sind“, spottet Siekaczek, „das hat nicht zu meiner Zusatzaufgabe gepasst.“ Zwar habe es die Aufforderung, diese Erklärungen zu unterschreiben, schon länger gegeben, doch niemanden habe interessiert, wenn man es nicht getan habe. Es habe sogar einmal einen Vortrag zum Thema Compliance gegeben. „Da haben die Wissenden auf mich geschaut - mit leichtem Schmunzeln“, sagt Siekaczek. Ob auch Ganswindt dazugehört habe, will die Vorsitzende Richterin wissen. Daran könne er sich nicht mehr erinnern, sagt Siekaczek heute. Bei einer früheren Vernehmung hatte er aber ausgesagt, auch der Vorstand habe geschmunzelt.

Doch selbst wenn Ganswindt noch nicht stutzig geworden sei, habe es ja das Gespräch Anfang 2004 gegeben, bei dem sein Chef lieber keine Zuhörer haben wollte. Siekaczek habe ihm konkret aufgelistet, dass 10 Millionen Euro nach Nigeria, 10 Millionen nach Russland, 10 bis 15 Millionen nach Griechenland geflossen seien - in nur einem Jahr. Ganswindt müsse die Bestechungszahlungen aufhalten oder einschränken, will Siekaczek gefordert haben. Zwar sei es auch darum gegangen, dass man gegen Gesetze verstoße, begründet er seine Forderung. Doch vor allem habe er nicht mehr so viel Geld auftreiben können. „Der Ganswindt hat gesagt, er kümmert sich darum“, so Siekaczek.

Doch lange passierte nichts. Ende 2004 beschloss Siekaczek, Siemens zu verlassen. „Ich hatte keine Lust mehr, mir ging es gesundheitlich nicht gut und es war sehr stressig“, begründet er seinen Weggang. Auf Vorschlag seines direkten Vorgesetzten einigt sich Siekaczek mit dem Konzern, seinen Arbeitsvertrag zu beenden. Eine Bedingung: Siekaczek bekommt einen Beratervertrag und bleibt damit freiberuflich für Siemens tätig. Eine der Leistungen, die laut Siekaczek zwar nicht schriftlich fixiert, aber doch mündlich vereinbart war: Die Verwaltung der schwarzen Kassen.

Von Philipp Vetter

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