Siemens sucht Anschluss bei Handys

- München - Mobiltelefone haben Siemens zuletzt nur Ärger und rote Zahlen beschert. Das Geschäft wurde deshalb im Topmanagement in Frage gestellt. Nun bangen Mitarbeiter und Experten rätseln. Börsianer vermuten, dass Siemens einen Partner für die Handy-Sparte sucht.

<P class=MsoNormal>Wenn führende Siemens- Manager in diesen Tagen auch nur Andeutungen zum maroden Handy-Geschäft fallen lassen, horchen Belegschaft und Börsianer auf. Die Abteilung Mobiltelefone ist zum Sanierungsfall geworden. Insofern sorgte Siemens-Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger für Aufsehen, als er vor Bankanalysten Selbstkritik übte. "Mobiltelefone richten sich an den Endverbraucher und passen nicht gut zum sonstigen Geschäft von Siemens", soll er dabei gesagt haben.</P><P class=MsoNormal>Das ließ bei manchem Alarmglocken läuten, vor allem auch in den heimischen Handy-Werken von Bocholt und Kamp-Lintfort. Dort hatte Siemens erst vor wenigen Monaten nach spektakulären Verhandlungen mit der IG Metall eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden sowie Lohnverzicht erzwungen und im Gegenzug bis 2006 sichere Stellen versprochen. Neubürger stelle mit seinen Äußerungen diese Verträge in Frage, wetterte IG-Metall-Vize Berthold Huber. Die Gewerkschaft befürchtet, dass ihr Entgegenkommen einem baldigen Verkauf des Geschäfts den Weg bereitet haben könnte.</P><P class=MsoNormal>Siemens-Chef Heinrich von Pierer und sein designierter Nachfolger Klaus Kleinfeld wollen die Sparte "auf Erfolgskurs zwingen", heißt es im Haus. Börsianer wie Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim oder Theo Kitz vom Konkurrenten Merck Finck vermuten eine andere Zielsetzung. "Die sind auf Partnersuche", schätzt Rothauge. Siemens wolle das Geschäft wohl in ein Gemeinschaftsunternehmen nach Vorbild von Fujitsu-Siemens einbringen, wo mit den Japanern paritätisch bei Personal-Computern zusammengearbeitet wird. Als heißer Kandidat dafür gilt der chinesische Handy-Hersteller Ningbo Bird, der bereits mit den Münchnern kooperiert und in China den Markt beherrscht. Weitere Verdächtige sind die japanischen Konkurrenten Panasonic und NEC sowie die südkoreanische LG Electronics, die auch Handys baut. </P><P class=MsoNormal>Unbestritten ist der Handlungsbedarf. Das Handy-Geschäft von Siemens ist nicht nur defizitär. Auch die Marktanteile lassen zu wünschen übrig. 7,6 Prozent des Weltmarkts haben die Bayern mit ihren Geräten im dritten Quartal 2004 nach Marktstatistiken abgedeckt. Das ist Rang vier hinter Nokia (30,9 Prozent), Samsung (13,8) und Motorola (13,4). Und es ist weniger als vor Jahresfrist, als Siemens über neun Prozent gekommen war.</P><P class=MsoNormal>Als Hauptproblem gilt, dass Siemens der Konkurrenz in der Entwicklung um rund drei Monate hinterherläuft und das Marketing nicht im Griff hat. Dazu kämen Designmängel. Und zuletzt kosteten Softwareprobleme bei der 65er-Serie viel Geld. "Die sind in der Zwickmühle", sagt ein Aufsichtsrat über die Sparte. Zum Dichtmachen sei das Geschäft zu groß und als Werbeträger auch zu wichtig. Jedoch habe Siemens hinreichend bewiesen, dass der Konzern ein konsumnahes Produkt wie das Mobiltelefon nicht richtig managen und in den Markt bringen könne. "Siemens hangelt sich von Pleite zu Pleite", sagt ein anderer Experte über das Handy-Geschäft. Mit dem Drücken von Lohnkosten allein, wie jüngst in heimischen Werken, komme kein Land in Sicht. Börsianer teilen diese Kritik. Bei einem Kostenanteil von weniger als einem Zehntel je Gerät seien die Löhne nicht so entscheidend. Fataler sei, dass Siemens sowohl bei Farbdisplays als auch bei UMTS geschlafen habe. "Siemens-Geräte kommen immer zu spät", rügt ein Experte. Dadurch verpassen sie die Marktphase, wo für Neuheiten viel Geld verlangt werden kann. Auch für das laufende Geschäftsjahr 2004/05 erwarten Analysten tiefrote Zahlen für Siemens-Handys. Großen Zwang zu neuem Stellenabbau sieht kein Experte für die Sparte. Zudem seien die Inlandswerke logistisch unersetzlich, um rasch genug die Heimatmärkte bedienen zu können.</P>

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