Siemens trennt sich von 18 000 Stellen

München - Die von Siemens-Chef Peter Löscher geplante Neuausrichtung des Konzerns kostet mehr Stellen im Unternehmen als zunächst erwartet. Weltweit sind rund 18 000 Arbeitsplätze von Abbau oder Ausgliederung betroffen. In München sind es etwa 1000.

Während im Wirtschaftsausschuss Manager und Betriebsräte noch diskutierten, traten Siemens-Chef Peter Löscher und Arbeitsdirektor Siegfried Russwurm gestern in München vor die Presse, um einen der härtesten Einschnitte der Unternehmensgeschichte zu erklären. Es geht dabei um drei Maßnahmen, mit denen sich Siemens von insgesamt rund 18 000 Stellen trennen will, etwa 6500 davon in Deutschland.

Vertrieb und Verwaltung

Den Kern des Programms bilden Einsparungen bei Vertrieb und Verwaltung, die weltweit zum Abbau von 12 600 Arbeitsplätzen führen sollen. Man habe den Anspruch, eine schlanke Verwaltung zu schaffen, erklärte Löscher. Hierbei habe man gegenüber Konkurrenten Nachholbedarf. Bis 2010 wolle man die Kosten um 1,2 Milliarden Euro senken (wir berichteten). "Wir sehen Wolken am Konjunkturhimmel. Deshalb ist es umso wichtiger, die Kostenmaßnahmen umzusetzen", sagte der Siemens-Chef. Denn eine sich eintrübende Weltkonjunktur werde "zu einer deutlichen Verschärfung des Wettbewerbs führen". Arbeitsdirektor Siegfried Russwurm erklärte: "In unseren Werken sind wir vielfach Vorbild für unsere Wettbewerber. Das wollen wir auch in unseren Verwaltungen erreichen."

Operatives Geschäft

Neben den Einsparungen bei Verwaltung und Vertrieb steht in mehreren Geschäftseinheiten weiterer Abbau von insgesamt 4150 Stellen an. Es handele sich dabei um "notwendige Restrukturierungsmaßnahmen", die man zügig angehen wolle, erklärte Russwurm. Diese treffen in erster Linie das Mobilitätsgeschäft, in dem rund 1800 Stellen im Bereich von Konstruktion und Fertigung gestrichen werden sollen, und die Division Antriebstechnik, wo 330 Arbeitsplätze zur Disposition stehen.

Im Mobilitätsgeschäft habe sich aus mehreren Einzelfällen - etwa Problemen bei der Alu-Trambahn Combino - "eine strukturelle Schwäche herauskristallisiert", bemängelte Löscher. Der Markt für Eisenbahntechnik biete großes Wachstumspotenzial in Schwellenländern. Nun wolle man Überkapazitäten in gesättigten Märkten abbauen und unter anderem kurzfristig mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren.

Damit summiert sich der von Siemens geplante Abbau auf 16 750 Stellen (siehe Grafik). Man wolle dabei die gesamte Bandbreite von sozialverträglichen Maßnahmen ausschöpfen, betonte Russwurm. Er könne betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen, sie seien aber "das allerletzte Mittel".

Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer kritisierte die Pläne: "Siemens steht wirtschaftlich gut da, die Auftragsbücher sind voll. Der geplante Stellenabbau ist vor allem vor diesem Hintergrund weder nachvollziehbar noch akzeptabel und in diesem Umfang völlig überzogen." Entgegen früherer Aussagen von Siemens träfe der Abbau nicht das mittlere und obere Management. Rund 75 Prozent der Betroffenen seien Tarif-Mitarbeiter, zum Beispiel Servicetechniker oder Verwaltungskräfte. "Pauschalkürzungen per Rasenmäher sind mit uns nicht zu machen." Es seien verschiedene Formen des Protestes und des Widerstands möglich. Vom Thema Streik sei man aber "sehr weit entfernt", erklärte Michael Leppek von der Siemens-Gruppe der IG Metall. Ziel sei es, über Alternativen zu Stellenstreichungen zu verhandeln und so den Abbau zu reduzieren.

Service und Montage

Zusätzlich zum Stellenabbau will sich der Konzern von der Einheit SIMS (Segment Industrie Montage Services) trennen, die für Service und Montage von Produkten zuständig ist. Für diese Leistungen habe sich eine mittelständisch geprägte Konkurrenz gebildet, die mit niedrigeren Kosten arbeite, argumentierte der Konzern. Deshalb habe man sich entschieden, das Geschäft mit 1200 Beschäftigten in Deutschland zu verkaufen. Die Verhandlungen mit möglichen Partnern sollten nun beginnen.

Insgesamt stehen so rund 18 000 Arbeitsplätze bei Siemens zur Disposition, etwa 6500 davon hierzulande. An welchen Standorten die Jobs entfielen, wisse man noch nicht konkret, erklärte Russwurm. Nach bisherigen Planungen rechne man durch alle drei Maßnahmen mit einem Abbau von etwa 1000 Stellen in München, 1350 in Erlangen, 550 in Nürnberg sowie 350 in Berlin. Insgesamt beschäftigt der Konzern 435 000 Menschen, 131 000 davon in Deutschland.

 Die Baustellen im Konzern:

Die Auftragsbücher des Technologiekonzerns Siemens sind gut gefüllt. Doch hat Unternehmenschef Peter Löscher neben der Aufarbeitung der Korruptionsaffäre einige drängende Probleme zu lösen.

Aktienkurs: Seit Jahresbeginn hat die Siemens-Aktie dramatisch an Wert verloren. Kostete das Papier im Januar noch mehr als 100 Euro, notierte die Aktie zuletzt nur noch bei etwa 70 Euro. Einen heftigen Absturz an der Börse hatte im März eine Gewinnwarnung gebracht.

Altlasten: Eine Überprüfung förderte Missmanagement bei Großprojekten zutage. Wegen Problemen wie angestaute Aufträge in der Kraftwerkssparte, Mängel bei einem Straßenbahnmodell und gestiegene Rohstoffpreise musste Siemens seine Gewinnerwartung für das laufende Geschäftsjahr um 900 Millionen Euro zurückschrauben.

Problemsparten: Neben hochprofitablen Bereichen wie der Medizintechnik hat der Konzern weniger ertragreiche Geschäfte - etwa die Verkehrstechnik. Und die sanierungsbedürftige Telefonanlagen-Sparte SEN soll seit längerem verkauft werden. Um potenziellen Käufern die Sparte schmackhaft zu machen, sollen dort weltweit 6800 Arbeitsplätze abgebaut werden. Auch für das im April 2007 gestartete Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks wurde nach Verlusten ein Stellenabbau angekündigt.

ap

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