Siemens im Umbruch: Der Aufräumer

München - Der Österreicher Peter Löscher hat die Führung des Siemens-Konzerns in einer der turbulentesten Phasen von dessen gut 160-jähriger Geschichte übernommen. Heute ist er seit einem Jahr im Amt und steuert auf den ersten großen Konflikt zu. Es geht um tausende Arbeitsplätze.

Wenn Peter Löscher lacht, bilden seine breiten, schwarzen Augenbrauen zwei nahezu waagrechte Linien. Wenn es ihm ernst ist, kann er die Brauen zu strengen Spitzbögen ziehen, unter denen seine blauen Augen das Gegenüber fixieren. Dann zementiert er seine Worte in den Raum: "Schlanker, effizienter, schlagkräftiger" müsse Siemens werden, stellt er etwa fest, und die Härte seiner Stimme verdrängt den Charme seines Kärntener Zungenschlags.

Seit der 50-Jährige den Posten an der Spitze von Europas größtem Technologiekonzern angetreten hat, dürfte er kaum einen Tag ohne seine harte Miene ausgekommen sein. Doch verübelt hat ihm das kaum jemand - bis jetzt.

Es war ein heißer Sonntag im Mai vergangenen Jahres, als Peter Löscher von den wichtigsten Aufsichtsräten des Konzerns vor die Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz gebeten wurde. Von den Fotografen und Kameraleuten, die da in der gleißenden Sonne warteten, wusste kaum einer, auf wen er das Objektiv richten sollte, ehe der 1,95-Meter-Mann im grauen Anzug ans Mikrofon trat, um die "außerordentliche Ehre und große Herausforderung" seiner neuen Stelle als Siemens-Chef zu betonen. Wie groß diese Herausforderung werden sollte, war ihm damals nicht klar.

Immer neue Enthüllungen im Schmiergeldskandal erschütterten in dieser Zeit das Unternehmen. Der bei Belegschaftsvertretern verhasste Konzernchef Klaus Kleinfeld hatte seinen Rücktritt angekündigt. Und Siemens suchte einen Aufräumer, einen ohne Siemens-Vergangenheit, der den Konzern aus der Krise führen sollte. Man fand Peter Löscher, einen Mann, über den nicht viel mehr bekannt war, als das, was das österreichische Außenministerium einige Jahre zuvor ins Internet gestellt hatte, als es den Villacher in seine Rubrik "berühmte Auslandsösterreicher" aufnahm.

Auf einem Bauernhof in Kärnten aufgewachsen studierte er in Wien und ging mit einem Stipendium nach Hongkong und Harvard. Seine erste Stelle fand er bei der Unternehmensberatung Kienbaum in Deutschland, ehe er beim Pharmakonzern Hoechst Karriere machte und fortan überwiegend in Großbritannien, den USA und Japan arbeitete. Er heiratete die Tochter eines ehemaligen Präsidenten des FC Barcelona, mit der er drei Kinder hat, zwei davon in den USA geboren. Aus den Vereinigten Staaten, wo er beim Siemens-Rivalen General Electric sowie beim Pharmakonzern Merck tätig war, hatte man Löscher im Mai 2007 nach München eingeflogen. Und so stand er vor der lachsfarbenen Fassade der Siemens-Zentrale und bekundete: "Ich reihe mich in die Reihe von 475 000 Siemensianern ein." Seit seinem Amtsantritt am 1. Juli 2007 hat sich die Reihe gelichtet.

Fast der gesamte Vorstand ist infolge des Schmiergeldskandals ausgetauscht worden. Löscher hat zwei amerikanische Manager in das Führungsgremium berufen, das er gleichzeitig verkleinerte. Er ließ den Konzern nach dubiosen Zahlungen durchforsten. Angesichts einer Summe von 1,3 Milliarden Euro, die im Ruch steht, als Schmiergeld verwendet worden zu sein, stockte ihm der Atem. "Ganz klar hatte ich dieses Ausmaß und diese Breite nicht vor Augen", gestand er ein. Bis heute hat die Aufarbeitung des Skandals Siemens fast zwei Milliarden Euro und hunderte - teils hochrangige - Mitarbeiter den Job gekostet. Doch Löscher hat noch mehr Baustellen.

Seit Jahren befindet sich Siemens im Umbruch. Der Konzern stößt als unrentabel geltende Geschäfte ab und buttert Milliarden in Zukäufe. Löscher hat Siemens auf drei Sektoren ausgerichtet: Industrie, Energie und Gesundheit. Die Strukturen wurden einfacher, Hierarchieebenen knapper. Aus der Reihe der 475 000 Siemensianer ist eine von 435 000 geworden. Zählt man nur Geschäfte, die Siemens erklärtermaßen dauerhaft fortführen will, endet die Reihe nach 419 000, davon 131 000 in Deutschland. Zwar wurde ein Teil der bei Siemens verschwundenen Stellen nicht vernichtet, sondern zu anderen Firmen verlagert. Und Löscher betont, dass man auch Jobs schaffe und in langfristig wachsende Zukunftsfelder investiere. Doch die Geduld der Arbeitnehmervertreter nähert sich ihrem Ende.

"Siemens ist und bleibt ein integrierter Technologiekonzern." Dieser Satz fällt häufig dieser Tage. In einem Interview Löschers in der aktuellen Siemens-Mitarbeiterzeitung taucht der Begriff dreimal auf. Vor gut einem Jahr fürchtete mancher eine Zerschlagung des Konzerns, die zum Verkauf einzelner Unternehmensteile und wohl auch zu einem Kahlschlag bei der Belegschaft geführt hätte. Löscher positionierte sich dagegen. Er entschuldigte sich dafür, dass in dem Konzern Millionen an eine arbeitgeberfreundliche Betriebsräteorganisation geflossen waren, um eine Gegengewerkschaft zur IG Metall aufzubauen. Und er versprach: "Veränderungen werden in offenem, fairem, direktem Dialog mit der Arbeitnehmerseite erfolgen." Dort rechnete man ihm das hoch an.

Selbst als im Februar im Telefonanlagen-Geschäft SEN der Abbau von 7000 Stellen publik wurde, hielten sich IG Metall und Betriebsräte zurück. Nun aber steht das Verhältnis auf der Probe.

Löscher hat die Renditeziele für die drei Sektoren angehoben und für deren Erreichen einen Zeitplan bis 2010 vorgegeben. Außerdem hat er den Aufwand für Vertrieb und Verwaltung mit dem von Konkurrenten verglichen und festgestellt: Siemens ist zu teuer. Schon vor Monaten kündigte der Konzernchef an, die Kosten um 1,2 Milliarden Euro zu drücken und dabei Stellen zu streichen.

Zwar hat Siemens den Abbau offiziell noch nicht beziffert, doch er wird nach Informationen dieser Zeitung bis 2010 rund 17 200 Menschen weltweit, etwa 6500 davon in Deutschland und 900 in München treffen (wir berichteten). Das mittlere und obere Management stehe im Fokus der Streichungen in Vertrieb und Verwaltung, heißt es. "Wir müssen hier so effizient werden wie in unseren Fabriken", hat Löscher gefordert. Mancher Siemensianer sieht das auch so. Werker, die seit Jahren unter Kostendruck stünden, würden sich fragen, warum sie hohe Verwaltungskosten reinarbeiten sollten, heißt es in einem Teil der Arbeitnehmerschaft. Doch in anderen Teilen der Belegschaft rumort es.

"Es würde mich sehr überraschen, wenn hier die Führungskräfte überdurchschnittlich abgebaut würden", kritisierte die Hamburger Betriebsratsvorsitzende und Aufsichtsrätin Birgit Steinborn. Zudem treibe Löscher einen "Keil in die Belegschaft zwischen Produktions- und Verwaltungspersonal". Manfred Meiler vom Verein der Belegschaftsaktionäre bei Siemens erklärte: "Wir sind tief enttäuscht. Löscher scheint unter der freundlichen Oberfläche knallhart zu sein. Der wird jetzt mehr Gegenwind bekommen." Andere wollen sich mit Rücksicht auf das bislang gute Einvernehmen mit Löscher nicht äußern. Bei der IG Metall findet derzeit manches Krisengespräch in Sachen Siemens statt, heißt es.

Der Aktienkurs sieht trotz aller Bemühungen nicht schmeichelhaft aus. Ein überraschender Gewinneinbruch zu Jahresbeginn ließ das Siemens-Papier zwischenzeitlich abstürzen. Seit Löschers Amtsantritt hat es rund 30 Prozent an Wert verloren. Doch das sei eher auf die allgemeine Börsenschwäche als auf Siemens-spezifische Faktoren zurückzuführen, heißt es in Finanzkreisen. "Das Management arbeitet Schritt für Schritt die Felder ab. Löscher hat seinen Job gut gemacht", urteilt etwa Roland Pitz, Analyst der Unicredit in München. Und Löscher scheinen die Turbulenzen nicht zu schrecken. Er erklärte gerade: "Ich gehe mit derselben Freude und Begeisterung in das zweite Jahr meiner Amtszeit, wie das auch am 1. Juli vergangenen Jahres war, als ich hier angefangen habe."

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