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Jahr der Jubiläen bei Siemens: Vor 150 Jahren entdeckte Werner von Siemens, der vor 200 Jahren in Hannover geboren wurde, das dynamoelektrische Prinzip. Damals eine Revolution der Elektrotechnik. Aktionäre konnten sich gestern bei der Hauptversammlung in München in der Olympiahalle über den Siemens-Gründer und sein Schaffen informieren.

Hauptversammlung

Siemens versöhnt seine Aktionäre

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München - Zurück zu alter Stärke: Das verspricht Siemens-Chef Joe Kaeser seinen Aktionären – und hebt zur Bekräftigung die Gewinnprognose für 2016 an. Den Anlegern gefällt das. Sie wollen endlich die Früchte des Konzernumbaus ernten. Angesichts eines fulminanten Starts ins Geschäftsjahr weicht langsam die Skepsis.

Wer am Dienstag einen Blick auf die Entwicklung des Aktienindex Dax geworfen hat, kann die Kritik so manches Aktionärsvertreter auf den ersten Blick wirklich nicht verstehen. Der Dax ist tiefrot – doch die Siemens-Aktie steigt und steigt, zwischenzeitlich um knapp neun Prozent. Zum Leidwesen der Aktionäre ist das allerdings ein eher seltener Anblick. Seit nunmehr zehn Jahre hinke die Siemens-Aktie der Wertentwicklung des Dax hinterher, im vergangenen Geschäftsjahr wieder einmal deutlich, kritisiert Ingo Speich von Union Investment bei der Hauptversammlung des Dax-Konzerns in der Münchner Olympiahalle. „Wenn man Siemens mit dem Dax vergleicht, hat sich ein Investment nicht gelohnt“, macht auch Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz deutlich. Auch wenn sie viel Lob für Siemens-Chef Joe Kaeser übrig hat, macht die Aktionärsvertreterin deutlich: Nach dem Umbau, den Kaeser dem Konzern mit seiner „Vision 2020“ verordnet hat, sei es nun höchste Zeit für eine Trendwende. „Wir sind mit Ihnen durch ein Tal der Tränen gegangen, jetzt wollen wir die Früchte dieser Rosskur ernten“, fordert Bergdolt.

Doch wie will Kaeser den Konzern profitabler machen? An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Rückblick: 2014 war für Siemens das Jahr der strategischen Neuausrichtung. Mit der „Vision 2020“ kündigte Kaeser den größten Konzernumbau seit 25 Jahren an. Siemens solle profitabler, schlagkräftiger und schneller werden. Die Zahl der Geschäftsbereiche wurde entsprechend reduziert, weltweit gut 13 000 Stellen abgebaut. Die Kosten sollen so um eine Milliarde Euro gesenkt werden. Im Geschäftsjahr 2015 wird der Umbau abgeschlossen, ein Jahr des Übergangs.

2016 sei nun das Jahr der Optimierung, sagt Kaeser, als er vor die Aktionäre tritt. Das bedeutet: Siemens soll wachsen. Der Anfang ist bereits gemacht. Bereits am Vorabend der Hauptversammlung hat der Konzern überraschend die Gewinnprognose für 2016 angehoben. Nach einem starken Start ins Geschäftsjahr, das bei Siemens im Oktober begonnen hat, sollen nun 2016 unterm Strich mindestens 5,3 Milliarden Euro stehen. Die Dividende für Aktionäre steigt um 20 Cent auf 3,50 Euro. Das ist die zweite Erhöhung in Folge, nachdem die Dividende in den drei Jahren zuvor konstant bei drei Euro gelegen hatte.

Trotz dem niedrigen Ölpreis und der schwächelnden Konjunktur in China übertreffen die Zahlen zum ersten Quartal alle Prognosen: Der Auftragseingang stieg um 27 Prozent auf 22,8 Milliarden Euro. „Damit stehen momentan Aufträge im Wert von 114 Milliarden Euro in den Büchern – so viel wie nie zuvor“, erklärt Kaeser. In der Summe legte der Umsatz mit 18,9 Milliarden Euro um acht Prozent zu. Der Gewinn nach Steuern stieg kräftig um 42 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro. Dabei seien alle Divisionen in der Gewinnzone, betont Kaeser.

Allerdings lieferten nur vier der acht Geschäftsbereiche die anvisierte Marge. Gute Geschäfte machte Siemens in der Medizin- und Gebäudetechnik sowie in den Bereichen Mobilität und „Digitale Fabrik“. Die Medizintechnik war dabei im ersten Quartal der größte Gewinnbringer. „Siemens ist hier derzeit das Maß aller Dinge“, so Kaeser. Im Bereich Bahntechnik erhielten die Münchner erst im Dezember einen Millionenauftrag für die Berliner S-Bahn. Zudem verwies Kaeser auf Aufträge der algerischen Bahn. Die Sparte soll damit auch 2016 einer der Wachstumstreiber bleiben.

Die Bereiche Energie-Management, Windkraft und Erneuerbare Energien, Kraftwerke und „Prozess-Industrie und Antriebe“ müssen sich dagegen noch verbessern, um die Zielmarge zu erreichen. Das zeigt: Im Konzern gibt es noch immer Baustellen. Im Öl- und Gasgeschäft belasten die niedrigen Ölpreise, auch wenn Kaeser beteuert, das Wartungsgeschäft sei stabil. Auch wenn sich Kunden derzeit bei neuen Investitionen zurückhalten würden, bereite ihm der niedrige Ölpreis nicht allzu große Sorgen. „Beim Ölgeschäft schauen wir eher auf den Verbrauch, als auf den Preis“, so Kaeser. Und der Verbrauch steige weiterhin. Fakt ist: Der milliardenschwer zugekaufte US-Ölzulieferer Dresser Rand liefert dennoch nicht das, was sich das Management vorstellt.

An Kaesers Selbstbewusstsein kratzt das nicht: Der Abwärtstrend im Industriegeschäft sei gestoppt. Nach Jahren des Umsatzrückgangs sei mit dem Umsatzwachstum im ersten Quartal jetzt die Trendwende eingeleitet. „Diese werden wir im zweiten Quartal ausbauen“, verspricht Kaeser. Um das Wachstum weiter anzukurbeln, will er 2016 eine Milliarde Euro zusätzlich investieren – unter anderem in Vertrieb, Forschung und Entwicklung. Ein weiterer Baustein: Um Innovationen zu fördern, hat Kaeser im Dezember ein eigenes Programm aufgelegt (wir berichteten). Es werde zudem gezielt in Zukunftsfelder investiert.

Dazu passt der Kauf des New Yorker Simulationssoftware-Unternehmens CD-adapco, den Siemens ebenfalls am Vorabend der Hauptversammlung angekündigt hat. Der Kaufpreis des Unternehmens mit mehr als 900 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von knapp 200 Millionen Dollar liegt bei 970 Millionen Dollar. Softwareprodukte von CD-adapco simulieren und analysieren Luftströme – zum Beispiel entlang von Flugzeugflügeln oder Automobilkarosserien. Die Software wird laut Siemens von 14 der 15 größten Automobilherstellern weltweit genutzt.

Große Chancen rechnet sich Kaeser auch im Iran aus. Wie Anfang Januar bekannt wurde, hat Siemens bereits Absichtserklärungen mit der iranischen Staatsbahn unterzeichnet mit einem Volumen bis zu 1,5 Milliarden Euro. „Das wird nicht die letzte Absichtserklärung gewesen sein, aber wir wollen nichts überstürzen“, sagt Kaeser. Im Iran bestehe ein enormer Nachholbedarf unter anderem im Öl- und Gasgeschäft, so besitze der Iran etwa eines der größten Gasfelder der Welt, das noch kaum erschlossen sei.

Chancen, aber auch Risiken begleiten damit Siemens 2016. Der fulminante Start ins Geschäftsjahr zeigt, dass die alte Stärke langsam in greifbare Nähe rückt. Auch wenn es noch Arbeit ist, bis die Rechnung aufgeht: In den gut zwei Jahren unter Kaesers Verantwortung hat Siemens bisher alle Prognosen gehalten. So erlangt man das Vertrauen von Kunden und Aktionären. Weiter so, heißt es von deren Seite. Union-Investment-Manager Ingo Speich fordert Kaeser sogar auf, seinen 2018 auslaufenden Vertrag bis mindestens 2020 zu verlängern.

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