Siemens: Verwandlung zum Öko-Konzern

London - Der Kampf gegen den Klimawandel ist für Siemens ein Milliardengeschäft. Europas größter Technologiekonzern nimmt mit Umweltlösungen fast doppelt so viel ein wie sein amerikanischer Rivale General Electric. Das Öko-Geschäft gilt als zentraler Teil der Zukunftsstrategie. Allerdings rechnen sich die Industriegiganten auch künstlich grün.

Als Siemens-Chef Peter Löscher am Themse-Ufer eine Klimaschutzausstellung mit Londons stellvertretendem Bürgermeister Richard Barnes eröffnet, ist der muffige Münchner Gerichtssaal, in dem seit Wochen der erste Prozess um den Schmiergeldskandal abgearbeitet wird, fern. Umweltschutz ist das Thema, mit dem sich Konzerne weltweit profilieren wollen. Und kaum ein Unternehmen kann diese Imagepflege so gut brauchen wie Siemens.

Fast jeder vierte Euro, den die Münchner im vergangenen Geschäftsjahr eingenommen haben, wurde mit Produkten "zum besonderen Schutz von Umwelt und Klima" verdient: 17 Milliarden. Dagegen sieht der amerikanische Rivale General Electric blass aus. Zwar wirbt dieser seit Jahren mit dem Schlagwort "Ecomagination" für sich, hat aber zuletzt nur rund neun Milliarden Euro mit entsprechenden Produkten umgesetzt. "Wir liegen deutlich vor unseren Wettbewerbern", triumphierte Löscher. Und das grüne Geschäft soll rasant wachsen.

Wo immer Siemens tätig ist, müsse der Konzern die Nummer eins oder zwei im Markt sein, gab Löscher als Devise aus. "Unser Ziel ist es, unser Unternehmen in allen Geschäftsfeldern zum Trendsetter zu machen", sagte er gestern in London. Dabei spielt das Öko-Geschäft eine wichtige Rolle. Dieses soll bis 2011 auf ein Umsatzvolumen von 25 Milliarden Euro wachsen.

Schon heute sieht sich Siemens als Anbieter mit dem "weltweit wohl umfassendsten Portfolio technischer Lösungen, die den CO2-Ausstoß signifikant senken". Doch was bei den Konzernen unter Umwelt- oder Klimaschutz läuft, dürfte manchen Öko-Aktivisten schaudern lassen.

So zählt General Electric Atomkraftwerke und Flugzeugturbinen zu seinem grünen Engagement, weil diese den Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid (CO2) verringern oder energiesparender als herkömmliche Technologien arbeiten würden. Mit ähnlichen Argumenten rechnet Siemens seine Gasturbinen oder auch Computertomographen aus der Medizintechnik in die Klimabilanz und verweist als Rechtfertigung auf ein unabhängiges Testat: Die Wirtschaftsprüfer von PriceWaterhouseCoopers hätten das Umweltportfolio als solches bestätigt.

Welche Dimension das Geschäft mit dem vermeintlichen Klimaschutz hat, zeigt eine Studie, die Siemens mit der Unternehmensberatung McKinsey für London erstellt hat. Während die Europäische Union den Ausstoß von Kohlendioxid bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent reduzieren will, hat sich die britische Metropole Einsparungen von 60 Prozent bis 2025 zum Ziel gesetzt.

Das ist zwar mit bisheriger Technologie nicht zu schaffen. Doch selbst um dem Ziel nur nahezukommen, müssten in London 41 Milliarden Euro investiert werden - in Wärmedämmung von Häusern, Energiesparlampen, effizientere Autos, Hybridbusse oder die Umstellung von Kohle auf Gas bei der Stromerzeugung.

Dabei verweist Siemens darauf, dass sich ein Großteil der Investitionen auszahlen würde. "Kurzfristig kostet das Geld, aber langfristig rechnet sich die Mehrzahl der Maßnahmen - insbesondere durch Einsparungen bei Energiekosten", versprach Löscher. Dies gelte zumindest für gut zwei Drittel der Maßnahmen, die identifiziert wurden. London könne seinem Klimaziel nahekommen, "ohne dass die Bürger ihren Lebensstil einschränken müssen". Und Siemens hofft auch damit sein Ziel zu erreichen, doppelt so schnell zu wachsen wie das weltweite Bruttosozialprodukt.

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