Siemens-Bahntechnik blamiert sich

- München/Nürnberg - Nürnberg hat eine U-Bahn-Röhre mit neuen Bahnhöfen gebaut, auf denen mindestens ein Jahr lang keine Züge fahren werden. Denn Siemens kann sie nicht fristgerecht liefern.

Mit seinem Geschäftsgebiet Verkehrstechnik bleibt der Münchner Technologiekonzern Siemens weiter auf Schlingerkurs. Nachdem zuletzt der Hochgeschwindigkeitszug ICE sowie der Straßenbahntyp Combino mit technischen Mängeln für negative Schlagzeilen und hohe Ergebnisbelastung gesorgt haben, kränkelt nun ein Pilotprojekt für fahrerlose U-Bahnen, wie die in Erlangen angesiedelte Siemens-Sparte in diesen Tagen einräumen musste. "Wir waren zu optimistisch bei der Planung des zeitlichen Ablaufs", gesteht Bereichschef Hans Schabert. Die Verzögerung betrage mindestens ein Jahr.

Betroffen sind die Stadt Nürnberg und deren Gesellschaft für Verkehrsbetrieb VAG. Mit ihr wollte Siemens in der Frankenmetropole im September 2006 erstmals in Deutschland eine fahrerlose U-Bahn aufs Gleis bringen, wie sie anderswo in Europa schon seit Jahren fährt. Es sei in doppelter Hinsicht ein Pilotprojekt, erklärt Siemens-Sprecher Bernd Edelmann. Denn in Nürnberg soll die fahrerlose U-Bahn auf einem Teil der Strecke mit einer zweiten Linie verkehren, die von Menschen gesteuert wird. Der Mischbetrieb sei weltweit einzigartig.

Besonders gravierend für die Nürnberger ist, dass Siemens die Zeit zur Fertigstellung des Projekts völlig offen lässt und mit der Hiobsbotschaft Ende März überraschend aufgewartet hat. Wenige Wochen zuvor sei in einem Spitzengespräch mit Siemens davon noch keine Rede gewesen, kritisierte VAG-Chef Herbert Dombrowsky und dachte laut über Schadenersatzforderungen nach.

Die Erkenntnis, sich verschätzt zu haben, kommt Siemens spät, nachdem das 185-Millionen-Euro-Projekt schon seit fünf Jahren läuft. Nürnbergs SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly spricht von einem "erheblichen Imageverlust" für die Stadt. Auch das Ansehen von Siemens-Technologie gerät damit weiter unter die Räder. Das ist besonders bedeutsam, weil die Stadt und ihr Lieferant Ende 2004 das Nürnberger Pilotprojekt namens "Rubin" bei einer internationalen Konferenz hunderten Interessenten präsentiert haben, erinnert sich ein VAG-Sprecher. Vertreten gewesen seien Städte wie München und New York, aber auch viele asiatische Metropolen.

Denn vielerorts gebe es Pläne für eine Umrüstung auf fahrerlose U-Bahnen, was oft auch einen Mischbetrieb wie in Nürnberg voraussetzt. Die VAG zweifle aber nicht an der Siemens-Technik, die Kosteneinsparungen und kürzere Taktzeiten für U-Bahnen bringen soll. Offen ist, was der neuerliche Flop Siemens kostet. Wegen der zeitlichen Verzögerung seien Vertragsstrafen fällig, räumt ein Sprecher ein.

In Nürnberg ist indessen davon die Rede, dass gemessen am Auftragswert fünf Prozent Vertragsstrafe fixiert und eine ähnliche Dimension auch bei etwaigen Schadenersatzzahlungen denkbar seien. Damit drohen Siemens Belastungen in zweistelliger Millionenhöhe. Für den Weltkonzern aus München insgesamt ist das kein Drama. Für den Bereich Verkehrstechnik, der zuletzt bei 4,2 Milliarden Euro Umsatz magere 45 Millionen Euro Betriebsgewinn verbucht hat, sieht die Sache anders aus. Zudem verlangt Siemens-Chef Klaus Kleinfeld vom Bereich bis Mitte 2007 eine Rendite von fünf bis sieben Prozent. Mit Problemen wie in Nürnberg wird das nicht gerade leichter.

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