Silberne Belegschaft ist Gold wert

München/Wiesbaden - Die Bevölkerung wird immer älter und damit auch die Arbeitnehmer. Das stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Die sie bislang oft ungenügend erfüllen, kritisieren Wissenschaftler.

Die sinkende Zahl der Kinder führt dazu, dass in den kommenden Jahrzehnten die deutsche Wirtschaft nicht mehr damit rechnen kann, genügend junge Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben, um frei werdende Stellen zu besetzen. In dieser Situation rücken ältere Arbeitnehmer zwangsläufig in den Fokus - die "silberne Belegschaft" ist Gold wert. Sie an ein Unternehmen zu binden und sie fit zu halten, wird für die Personalpolitik der Unternehmen zu einer wichtigen Aufgabe. Der sie bislang zu wenig Aufmerksamkeit schenkten, kritisieren Arbeitsmarkt-Wissenschaftler (siehe Interview unten).

Weniger Einwohner und Erwerbstätige

Derzeit sind rund 50,1 Millionen Menschen bundesweit im Erwerbsalter, das die Statistiker im Augenblick noch auf das 20. bis 64. Lebensjahr begrenzen. Sollten nicht deutlich mehr Menschen nach Deutschland einwandern als derzeit, wird diese Personengruppe bis 2030 auf 42,4 Millionen und bis 2050 auf 35,5 Millionen Menschen schrumpfen. Dieser Rückgang trifft alle Altersgruppen, mit besonderer Wucht aber die unteren und mittleren Jahrgänge. So wird die Zahl der Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 30 bis 2030 voraussichtlich um rund 2,5 Millionen auf nur noch 7,4 Millionen zurückgehen. Der Anteil dieser Jungen an der Gesamtzahl aller Erwerbsfähigen sinkt zeitgleich auf nur noch 17,7 Prozent. Dieser Gruppe der jungen Erwerbsfähigen werden 2030 voraussichtlich rund 15,9 Millionen Personen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren gegenüberstehen - das würde einem Anteil der Erwerbsfähigen von 37,4 Prozent entsprechen.

"Die älteren Mitarbeiter halten und speziell auf sie eingehen, das ist mittlerweile ein Wettbewerbspunkt, der zunehmend wichtiger wird", erklärt Odilo Mühlig, Pressesprecher der MTU in München. Kein Betrieb, der auf hochqualifizierte, erfahrene Angestellte angewiesen sei, könne es sich leisten, das nicht zu tun. Das Durchschnittsalter im Luftfahrtkonzern liege bei derzeit 43 Jahren - "Tendenz steigend". Mit Fitness-Angeboten und Gesundheitsvorsorge gehe man gezielt auf die ältere Belegschaft zu.

In größeren Unternehmen sei dieses Umdenken teils schon erfolgt, sagt Jürgen Bünger vom Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung in Bochum, "in kleinen Betrieben wird das schon schwieriger". Dabei seien es oft Kleinigkeiten, die ausschlaggebend sein können, betont Christa Sedlatschek, Geschäftsführerin der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA): "Das kann bedeuten, die Lichtstärke im Büro zu erhöhen oder mechanische Hilfsmittel zum Heben oder Tragen anzuschaffen."

Das Umdenken betreffe allerdings sowohl die Arbeitgeber, als auch Arbeitnehmerseite: "Lebenslanges Lernen ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Zeiten, dass man ein Leben lang dieselbe Tätigkeit ausübt, ohne sich zu verändern, sind vorbei", betont die Expertin. So müssten auch ältere Mitarbeiter bereit sein, sich weiterzubilden und sich neue Fähigkeiten anzueignen. Aber auch in den Chefetagen müsse sich die Personalpolitik den Verhältnissen anpassen. Künftig werde es kaum tragbar sein, auf die Kenntnisse von Älteren zu verzichten. 

"Firmen denken immer noch darüber nach,

wie man ältere Mitarbeiter loswird"

Der Wissenschaftler Martin Werding leitet am Münchner Ifo-Institut den Bereich Sozialpolitik und Arbeitsmärkte und beschäftigt sich dabei auch mit den Auswirkungen alternder Belegschaften auf Wachstum und Produktivität.

Was haben Forscher bisher über mögliche Defizite älterer Mitarbeiter herausgefunden?

Im Großen und Ganzen wird kein Leistungsabfall älterer Arbeitnehmer unter das Niveau beobachtet, das die Unternehmen brauchen. Wo harte körperliche Arbeit gefragt ist, kann es durchaus sein, dass jemand im Alter nicht mehr ganz mithalten kann. Für die meisten Produktionsberufe, kaufmännische Berufe und Verwaltungsberufe gilt das aber kaum.

Sind die Unternehmen auf alternde Belegschaften vorbereitet?

Firmen denken immer noch auf breiter Basis darüber nach, wie man ältere Beschäftigte los wird, statt darüber nachzudenken, was alles erforderlich ist, um die Leute mit ihren speziellen Fähigkeiten noch möglichst lange im Unternehmen zu halten. Es kommen aber weniger Junge nach. Darum muss sich das Verhalten der Unternehmen ändern.

Nicht die Älteren an sich sind also das Problem, sondern der Umgang mit Ihnen?

Forschungsprojekte zeigen, es liegt nicht an den einzelnen, es liegt an der Art und Weise, wie man sie einsetzt und verschiedene Mitarbeiter zusammenspannt. Es muss etwas mit der Interaktion der verschiedenen Altersgruppen zu tun haben. Innovationen hervorzubringen und gut zu verwerten, ist oft eine Teamleistung. Firmen müssen darüber nachdenken, Prozesse anders zu strukturieren, und müssen überlegen, wie sie Teams bilden und auch wie viel Weiterbildung notwendig ist. Es geht darum, die Fähigkeiten der älteren Mitarbeiter richtig zu nutzen.

Älteren Arbeitnehmern wird aber oft Technikfeindlichkeit, geringe Flexibilität und Lernunwilligkeit vorgeworfen.

Es spielt eher eine Rolle, dass Ältere nicht genügend an Weiterbildung beteiligt werden. Die Unternehmen rechnen nicht damit, dass sich das noch lohnt. Sie sagen, die restliche Lebensarbeitszeit sei zu kurz. Aber in dem Maße, wie diese steigt, muss sich auch das Kalkül der Firmen ändern. Sie brauchen eine gesunde Mischung im Unternehmen, aus frischen Qualifikationen und auch aus Erfahrungswissen. Und in dem Maße wie das frische Wissen nicht mehr über neu eingestellte Junge ins Unternehmen kommt, muss man überlegen, wie man bei den älteren Mitarbeitern noch mal einen echten Qualifikationsschub auslöst. Dazu gehört auch, Älteren das allerneueste Wissen nahezubringen und dafür die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Interview: Maria Marquart

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