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Die Wahrnehmung schulen, ist das Ziel der Kunstkurse. Dabei geht es nicht um perfektes Zeichnen, sondern ums Machen, Umsetzen und Durchhalten.

Sommercamp für Hauptschüler: Ferien als letzte Chance

Waldmünchen - „Mangelhaft“ – diese Beurteilung hören sie ständig. 28 Hauptschüler aus München und der Umgebung wollen das ändern. Im Sommercamp der IHK versuchen sie, in dreieinhalb Wochen fit für den Quali und die Ausbildung zu werden.

Lässig lehnt er an der groben Steinmauer, einen Kopfhörer im Ohr, ein einrasiertes Ornament zieht sich seitlich durch seine kurzen blonden Haare. Den idyllischen Blick vom Schlossberg hinab ins Grüne nimmt er gar nicht wahr. Höchst konzentriert bearbeitet David mit verschiedenen Werkzeugen einen Ytong-Stein. Die chinesischen Zeichen Yin und Yang sind deutlich zu erkennen. „Ja, sieht doch ganz gut aus, oder?!“, sagt der 16-Jährige und grinst.

Seit 14 Tagen lebt der Münchner mit 27 anderen Hauptschülern auf einer zur Jugendausbildungsstätte umfunktionierten Burg. „Das hier ist meine letzte Chance“, meint David. Fünf Fünfer hatte er im Zeugnis – „so richtig schlecht“, wie er selbst sagt. Jetzt will er es anpacken, um den Quali im nächsten Jahr doch noch zu schaffen. Statt mit der Clique abzuhängen, verbringt David dreieinhalb Wochen seiner Sommerferien im Luftkurort Waldmünchen, nur wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt.

Dort findet das Sommercamp der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern statt. „Zu abgeschieden, um abzuhauen und zu weit weg, als dass die Eltern plötzlich vor der Tür stehen“, erklärt Kurt Czerwenka die Ortswahl. Der 65-Jährige ist Professor an der Leuphana-Universität in Lüneburg und seit drei Jahren mit seiner Sommerakademie auf Tour. Sechs Camps gab es bereits, vor allem im Norden Deutschlands, jetzt findet es zum ersten Mal in Bayern statt. Die Kosten – über 100 000 Euro – teilen sich die IHK und die Arbeitsagentur. Die Jugendlichen müssen nichts bezahlen.

Ein Sommerferien-Spaßlager erwartet die Jugendlichen nicht. „Der Tag geht von 9 bis 22 Uhr“, sagt Czerwenka. Vormittags ist Unterricht, ab Nachmittag stehen Sport und Kunst auf dem Programm. „Das ist sehr lang und eine hohe Belastung.“ Aber genau das erwarte die Jugendlichen auch in der Arbeitswelt und um das durchzuhalten, benötige man Disziplin – die Schwäche vieler Schüler. Mit anspruchsvollen Projekten, wie das Einstudieren eines Musicals, soll der Durchhaltewille gefördert werden. 

Czerwekas Konzept, das auch eine Nachbetreuung umfasst, ist dabei auf drei Bereiche ausgerichtet: die kognitiven Fähigkeiten, also Kenntnisse in Sachen Deutsch, Mathematik und Computeranwendung, das Selbstbewusstsein, also ein sicheres, höfliches Auftreten, und die innere Sicherheit. „Viele Kinder können sich selbst nicht annehmen“, sagt Czerwenka zum letzten Punkt. Eine Psychologin ist deshalb mit in Waldmünchen, um zu helfen oder unvoreingenommen einfach zuzuhören. Insgesamt kümmern sich 14 Betreuer um die Jugendlichen. Darunter sind Lerntherapeuten, die zusätzlich ausgebildet sind, um mit Lese-, Rechen- und Konzentrations-Schwächen umzugehen.

„Teilnehmen kann jeder, auch problematische Schüler“, sagt Czerwenka, egal ob die Schule den Jugendlichen schickt, Eltern oder Großeltern. „Allerdings muss mir jeder Schüler eine selbstverfasste Bewerbung schicken“, sagt der Sommercamp-Erfinder. Vorzeitig heimgeschickt hat er in den drei Jahren nur einmal einen Schüler, „der hatte sich komplett verweigert“, erzählt der Professor. Am vorletzten Tag musste der Jugendliche abreisen.

Ganz ohne Probleme läuft ein Camp nie ab. Die erste Woche sei generell „nicht einfach“. Die ungewohnte Umgebung, Sechs-Bett-Zimmer, die vielen unbekannten Gesichter – damit müssen die Schüler erst mal zurechtkommen. Und sie testen ihre Grenzen aus, verweigern etwa den Tischdienst im Speiseraum oder das Zimmeraufräumen. „Die meisten fügen sich aber schnell ein, schon allein, weil es so viel bequemer für sie ist“, sagt Campleiterin Nadine Schmidbauer.

„Wir können es uns gesellschaftlich und wirtschaftlich nicht leisten, auf Jugendliche zu verzichten, nur weil sie Schwächen haben“, erklärt Czerwenka sein besonderes Engagement für angebliche Sorgenkinder. Das lasse schon allein die demographische Entwicklung nicht zu. „In Bayern wird die Anzahl der Schulabgänger bis zum Jahr 2030 im Vergleich zu heute um 20 Prozent zurückgehen“, macht auch IHK-Chef Peter Driessen deutlich. „Das sind rund 28 000 Jugendliche, die dann als Fachkräfte – mit welcher Qualifikation auch immer – fehlen.“

„In den Jugendlichen steckt mehr, als sie sich zutrauen und als ihnen zugetraut wird“, sagt Campleiterin Schmidbauer. So können die Jugendlichen auch mit Literatur-Klassikern umgehen. Shakespeares „Romeo und Julia“ etwa, das sie jetzt als Musical einstudieren. „Sie begreifen schnell“, sagt Theaterpädagoge Mirtan Teichmüller. Die erste spontane Reaktion, nachdem er ihnen die Geschichte erzählt hatte, kam von einem türkischen Mädchen: „Warum ruft Romeo nicht einfach an?!“ Hätte es damals ein Handy gegeben, wäre das berühmteste Liebespaar der Literaturgeschichte wohl noch am Leben.

Sich auf neue Dinge einzulassen, fällt vielen Jugendlichen erstmal schwer, sagt Kampfsporttrainer David Zekhariafamil. Der 29-Jährige bietet im Sommercamp Ringen an und erntete anfangs ein großes Zögern: „Den meisten ist der enge Körperkontakt total fremd und es kostet sie viel Überwindung.“ Zekhariafamil selbst hat es von der Hauptschule an die Universität geschafft, wo er jetzt Politik studiert. „Das war ein langer und harter Weg“, sagt er. Aber er hat ihn gepackt und ist für die Jugendlichen im Camp durchaus ein Vorbild. Auch für den 16-jährigen David.

„Hartz IV? Das will ich ganz bestimmt nicht. Eine kaufmännische Ausbildung, das wäre super“, sagt der Hauptschüler und bearbeitet fest entschlossen seine Skulptur weiter. „Der Quali ist dafür erst der Anfang, das weiß ich. Aber jetzt ist der Abschluss erst mal das Wichtigste für mich.“ von Stefanie Backs

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