Merkur-Interview

FTI-Chef verrät Urlaubs-Ziele der Deutschen: „Wir rechnen mit einem Buchungsboom im Sommer”

  • Thomas Schmidtutz
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Nach einem Horror-Jahr hoffen die deutschen Reiseveranstalter auf einen Neustart in diesen Sommer. Warum die Hoffnung wächst, welche Länder gefragt sind, erläutert FTI-Chef Ralph Schiller.

München – Die Corona-Pandemie hat kaum eine andere Branche so heftig getroffen, wie den Tourismus. Doch angesichts sinkender Inzidenz-Zahlen in wichtigen Zielländern und rasch steigender Impfzahlen blickt die Branche überraschend zuversichtlich auf die Sommersaison 2021. „Wir rechnen mit einem Buchungsboom”, sagt etwa der Chef des Münchner Reiseveranstalters FTI, Ralph Schiller mit Blick auf die nächsten Monate.

Merkur.de sprach mit dem Geschäftsführer des drittgrößten europäischen Reiseveranstalters (u.a. FTI, Windrose, Sonnenklar.TV) über mögliche Zugangsbeschränkungen für Nicht-Geimpfte, grassierende Reise-Sehnsucht und den Sommerurlaub 2021.

Herr Schiller, die Sommersaison rückt näher. Im Vorjahr gab es Fieberkontrollen in Hotels, Maskenpflicht und Strandliegen mit Mindestabstand. Seither hat sich die Pandemie-Lage weiter zugespitzt. Fällt die Sommer-Saison in diesem Jahr ganz ins Wasser?
Überhaupt nicht. Angesichts der Fortschritte bei den Impfungen sowohl in Deutschland als auch in den Zielgebieten sind wir sehr zuversichtlich, dass die Sommersaison stattfindet. Schauen Sie etwa nach Mallorca: Dort liegen die Inzidenzen weiter unter 30. Auch in anderen Zielmärkten wie Zypern, der Dominikanischen Republik oder am Roten Meer ist die Entwicklung sehr ermutigend. 
Wie wird der Sommer-Urlaub 2021 denn werden?
Wir rechnen mit einem Buchungsboom, sobald Reisen wieder möglich. Allerdings dürfte es in den Zielgebieten selbst eher ruhig zugehen. Wer Halligalli will, wird es dieses Jahr eher schwer haben. Insgesamt dürfte das Vorgehen in den meisten Destinationen ähnlich wie im Vorjahr sein - mit Masken, Fiebermessen, Desinfektion und Liegen-Abstand am Strand. 
Die Impfzahlen in Deutschland waren lange Zeit desaströs. Jetzt nimmt die Kampagne endlich Fahrt auf. In den USA gibt es Sportclubs oder Kreuzfahrtanbieter, die nur Geimpfte ins Stadion oder an Bord lassen. Planen Sie Vergleichbares?
Darüber entscheiden vor allem die Hotels und die Zielländer. Es kann durchaus Länder geben, wo es entsprechende Einschränkungen geben wird, aber wohl nicht innerhalb der EU. Wir planen das für unsere Gäste jedenfalls nicht und die großen Hotelketten werden wohl ebenfalls auf eine entsprechende Trennung verzichten.
Ralph Schiller (59): Der gelernte Reiseverkehrskaufmann steht seit 2011 an der Spitze des Münchner Reiseveranstalters, zunächst gemeinsam mit FTI-Gründer Dietmar Gunz, seit Anfang des Jahres mit Constantin von Bülow.
Aber viele Zielländer setzen im Sommer vor allem auf Geimpfte. Griechenland hat eine Art Impfkorridor mit Israel vereinbart. Auch Spanien denkt über entsprechende Modelle für Geimpfte nach. Wird eine Impfung bis zum Sommer die Eintrittskarte für den Sommerurlaub?
In der EU sehe ich das nicht. Ich will gar nicht ausschließen, dass es beispielsweise am Flughafen ein anderes Einreise-Prozedere gibt, wenn Passagiere aus einem Land wie Israel einreisen. Aber unterm Strich wird das wohl die Ausnahme bleiben. 
Welche Urlaubsziele werden im Sommer denn besonders gefragt sein? 
Das dürften vor allem die klassischen Ziele in Europa sein wie Griechenland, Spanien, Italien, Zypern oder Malta und natürlich der Heimaturlaub in Deutschland. Bei der Türkei wird man abwarten müssen, wie sich die Inzidenz-Zahlen vor Ort entwickeln. Da gibt es sicher noch einiges zu tun und natürlich hoffen wir auch, dass Ägypten bis zum Spätsommer wieder bereisbar sein wird. Bei den Fernzielen sehen wir wachsendes Interesse an der Karibik. Aber bis die Fernreisen wieder richtig gefragt sein werden, dürfte es noch dauern. 
Die TUI erwartet, dass das Geschäft während der Hochsaison von Juli bis September wieder 75 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreichen könnte. Teilen Sie diese Zuversicht?
Das erscheint mir derzeit noch etwas gewagt. Aber natürlich wissen wir auch, dass viele Menschen nach der langen Corona-Zeit praktisch auf gepackten Koffern sitzen. 
Reicht das für FTI noch für schwarze Zahlen im laufenden Jahr?
Wir haben die Kosten zwar deutlich reduziert und im Sommer dürfte das Geschäft endlich anziehen. Aber schwarze Zahlen werden wir dieses Jahr wohl noch nicht schaffen. 
Wie ist denn die aktuelle Buchungslage im Vergleich zu 2019?
Wir haben aktuell zwischen 20 bis 30 Prozent unseres Auftragsvolumens im Vergleich zu 2018/19 erreicht. Aber je später das Jahr, desto besser die Buchungslage: Für Oktober liegen wir etwa bei 50 Prozent. Und bei den Vorbuchungen für 2022 sind wir wieder auf Vorkrisen-Niveau. Daran sehen Sie: Die Menschen planen die Impfungen und die schrittweise Rückkehr zur Normalität schon ein.
Wann sind wir wieder auf Vorkrisen-Niveau?
Bei Geschäftsreisen wird das wohl noch länger dauern. Aber bei den klassischen Pauschalreisen hoffen wir, dass wir im kommenden Jahr wieder das Vorkrisenniveau erreichen werden. 
Viele Verbraucher haben wegen der Corona-Pandemie ihren Konsum ja zwangsläufig zurückgefahren. Daher gibt es einen riesigen Rückstau. Da müsste die Nachfrage nach Reisen ja dann zügig anziehen?
Wir stehen bei den entsprechenden Konsum-Ausgaben vor allem mit Möbelhäusern und den Bau- und Gartenmärkten im Wettbewerb. Inzwischen sind fast alle Gärten in Schuss und die Schlafzimmer gestrichen. Von daher sind wir hier durchaus zuversichtlich. 

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