Sonne heizt der Börse ein: Manchem wird es schon zu heiß

- München - Obwohl Deutschland eher zu den schattigen Ländern zählt, erlebt die einheimische Solarbranche dank üppiger Subventionen derzeit einen Rausch. Immer mehr Unternehmen der Sonnenindustrie zieht es an die Börse, die Aktienkurse scheinen nur einen Weg zu kennen: nach oben. Doch es lauern Risiken.

"Jetzt geht es richtig los", sagt Wolfgang Wismeth. Der 49-Jährige gehört zu den alten Hasen im Geschäft mit alternativen Energien. Schon 1986 gründete der Atomkraftgegner mit seiner Frau in Fürth ein Systemhaus für Photovoltaik, das Solaranlagen plant und vertreibt. Zunächst statteten die beiden Campingwägen aus, später bauten sie ganze Kraftwerke und steigerten ihren Umsatz auf 33 Millionen Euro. Nun der nächste Schritt: Die Wismeths gehen mit ihrer Sunline AG an die Börse.

Seit Donnerstag können Anleger Kauforder für die bis zu 1,7 Millionen Aktien abgeben. Dabei deutet sich schon jetzt an, dass viele von ihnen leer ausgehen. "Die Nachfrage ist riesig", sagt Arne Aßmann von der Baader Wertpapierhandelsbank, die mit der Emission betraut ist. "Es wird massiv überzeichnet."

Das überrascht nicht. Bereits am Mittwoch feierte der Solarzellenhersteller Q-Cells aus Thalheim sein Börsendebüt - die Papiere waren 40-fach überzeichnet. Kurz davor ging der Erfurter Konkurrent Ersol aufs Parkett - er hätte 50-Mal so viele Anteilsscheine ausgeben können. "Die Anleger kaufen derzeit alles, wo Solar draufsteht", heißt es unter Aktienhändlern. Dazu werden sie noch weitere Gelegenheit haben: Bis zum Jahresende streben neben Sunline noch drei andere Solarfirmen an die Börse.

Geschürt wird die Kauflust von der Hoffnung auf ordentliche Kursgewinne. Denn es scheint derzeit so, als könne man in keinem anderen Segment so einfach Kasse machen. Als Paradebeispiel gilt Solarworld: Vor einem Jahr wurden die Aktien des Bonner Sollarzellenherstellers für 19 Euro gehandelt. Derzeit kosten sie über 110 Euro. Ebenfalls prächtig entwickelten sich die Papiere der Hamburger Conergy, die seit März von 54 auf 93 Euro schnellten. Und auch andere Unternehmen wie Phönix Sonnenstrom oder Solar-Fabrik haben kräftig zugelegt.

Manchem ist das Tempo mittlerweile jedoch zu hoch. "Es sind Überhitzungstendenzen zu erkennen", sagt Christian Schindler von der Landesbank Rheinland-Pfalz. Der "Spiegel" schreibt: "Der Run erinnert an die unseligen Zeiten des Neuen Marktes." Diesen Vergleich lässt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz zwar nicht gelten. Denn anders als die Internetfirmen damals schreiben die Solarunternehmen heute Gewinne. Aber auch Kurz warnt: "Die Branche ist zurzeit sehr hoch bewertet."

Ausgelöst hat den Sonnenboom die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, die im Sommer 2004 in Kraft trat. Darin schrieb die rot-grüne Bundesregierung den Stromversorgern vor, Sonnenstrom zu einem Preis abzunehmen, der um ein Vielfaches über dem gängigen Entgelt liegt. Nur wegen dieser Unterstützung ist Solarstrom in Deutschland bislang profitabel, weswegen die boomende Branche - die in Deutschland mittlerweile 30 000 Menschen beschäftigt - von der Zustimmung der Politik abhängt.

"Wenn eine große Koalition das EEG abschafft oder kürzt, würde das bitter ausgehen", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Dies ist nicht auszuschließen, da sich CDU-Politiker kritisch geäußert hatten. Zudem drohen weitere Schwierigkeiten: Der Rohstoff Silizium ist wegen der hohen Nachfrage knapp.

"Es gibt momentan Probleme bei der Beschaffung", räumt Sunline-Chef Wolfgang Wismeth ein. Er sieht jedoch ebenso optimistisch in die Zukunft wie Josef Auer, Energieexperte der Deutschen Bank: "Wenn es die Solarunternehmen schaffen, die Kosten der Energieerzeugung zu senken, dürfte die Zukunftsinvestition hohe Dividenden für alle abwerfen."

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