Sorgen um Konjunktur wachsen

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Wiesbaden (dpa) - Die Sorgen um die deutsche Konjunktur wachsen - doch ein rapider Absturz ist nicht zu erwarten. Der Export bleibt die tragende Säule der Wirtschaft. Firmen verkauften im Juni Waren für 88,3 Milliarden Euro ins Ausland - das waren 7,9 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das meldet das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden. Im ersten Halbjahr belief sich das Plus auf 6,9 Prozent. Nach Einschätzung von Volkswirten haben die Exporte im zweiten Quartal die Wirtschaft kräftig angeschoben. Dennoch konnten sie nicht verhindern, dass die Wirtschaft um 0,5 bis 1,0 Prozent gegenüber Vorquartal geschrumpft sein dürfte - nach einem starken Jahresauftakt mit Plus 1,5 Prozent. Dieser Zuwachs war aber von Sondereffekten verursacht. Experten warnten vor Panikmache in der Diskussion um den Abschwung in Deutschland.

"Die deutsche Wirtschaft ist nach wie vor gefestigt", sagte der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, dem Online-Magazin stern.de. Eine Rezession sei "nach allem was wir bisher wissen, nicht zu erwarten". Es gebe keinen Grund zur Panik. Voraussetzung sei, dass die Tarifparteien eine "Lohnpolitik der Vernunft" betrieben. Dagegen rechnet der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, bereits im dritten Quartal mit einem Abrutschen Deutschlands in die Rezession. Das kommende Jahr werde "konjunkturell schief gehen", erst 2010 sei mit einer Erholung zu rechnen, sagte Walter "Focus Online". Beide Experten sprachen sich gegen staatliche Ausgabenprogramme zur Stützung der Konjunktur aus.

Die Folgen der Finanzmarktkrise, der hohe Ölpreis und der starke Euro belasten das Wachstum und nähren Sorgen vor einer Rezession. Viele Volkswirte halten aber noch an ihren Prognosen für 2008 von rund zwei Prozent Wachstum fest.

Die Konjunkturängste waren von schlechter als erwartet ausgefallenen Zahlen aus der Industrie ausgelöst worden. Die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes stieg im Juni gegenüber dem Vormonat nur leicht um 0,2 Prozent, teilte das Wirtschaftsministerium am Donnerstag in Berlin mit. Zugleich erhielt die Industrie 2,9 Prozent weniger Aufträge als im Mai - das war der siebte Rückgang in Folge. Vor allem aus dem Ausland sackten die Aufträge ab. Volkswirte rechnen damit, dass der Außenhandel in den kommenden Monaten wegen der sinkenden Auslandsnachfrage nicht mehr so rund laufen dürfte. "Die deutschen Hauptexportmärkte in Westeuropa brechen derzeit in einem atemberaubenden Tempo weg", schrieb die DekaBank. Im Juni legten die Ausfuhren in die europäischen Länder (plus 5,9 Prozent) nur halb so stark zu wie in Staaten außerhalb der EU (plus 11,7 Prozent).

In der Handelsbilanz - als Saldo von Importen und Exporten - blieb im Juni ein dickes Plus übrig. Der Überschuss stieg gegenüber Vorjahr deutlich von 16,7 auf 19,7 Milliarden Euro. Kalender- und saisonbereinigt belief sich die Summe auf 18,1 Milliarden Euro. Das Plus fiel so hoch aus, weil die Importe im Juni weniger stark als die Exporte stiegen. Die Einfuhren legten gegenüber Vorjahr um 5,3 Prozent auf 68,6 Milliarden Euro zu. "Dies bedeutet eine sehr schwache Inlandsnachfrage im zweiten Quartal", schrieb die Commerzbank. Die Binnenkonjunktur springe einfach nicht an.

Teure Spritpreise und die hohe Inflation entziehen den Verbrauchern Kaufkraft, so dass die Konsumflaute anhält. Issing rechnet damit, dass der Höhepunkt der Inflation bereits erreicht ist. "Wenn die Lohnentwicklung unter Kontrolle bleibt, wird auch die Inflation langsam aber sicher zurückgehen", sagte er stern.de.

"Der deutsche Außenhandel konnte sich im ersten Halbjahr 2008 in einem schwierigen Umfeld behaupten", bilanzierte der Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels, Anton Börner, die Zahlen. Und zwar trotz hoher Rohstoffpreise, starken Euro und den Unsicherheiten an den Finanzmärkten. Die deutsche Wirtschaft sei international gut aufgestellt, dennoch hinterlasse die Abkühlung der Weltwirtschaft Spuren in den Auftragsbüchern.

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