Sorgen um Zerschlagung von MAN

Freistaat will für Sitz kämpfen: - München -­ Von der viel beschworenen "Abkühlungsphase" ist im Nutzfahrzeug-Poker zwischen MAN, Volkswagen und Scania nicht viel zu spüren. Gut drei Wochen nach dem Scheitern des Übernahmeangebots von MAN für Scania ist eine Standort-Diskussion für die Zentrale eines künftigen fusionierten Lkw-Konzerns entbrannt.

Damit lassen die Großaktionäre beider Nutzfahrzeughersteller einmal mehr die Muskeln spielen und dürften bei dem Münchner Traditionsunternehmen, das im kommenden Jahr 250 Jahre alt wird, neue Sorgen vor einer Zerschlagung schüren. "Das ist ein weiterer Testballon von VW, um auszuloten, wie weit man bei MAN gehen kann", heißt es in Branchenkreisen.

Viel Porzellan war im monatelangen Ringen um die milliardenschwere Übernahme-Offerte von MAN für den schwedischen Konkurrenten zerschlagen worden. Während die Schweden um die Eigenständigkeit ihres Industrie-Juwels fürchteten, hatte MAN stets auf der industriellen Logik eines Zusammenschlusses beharrt, sich aber schließlich dem erbitterten Widerstand von Scania und seinen Großaktionären VW und Investor beugen müssen.

Jetzt will der Wolfsburger Autobauer als größter Aktionär beider Lkw-Hersteller laut Zeitungsberichten versuchen, die Interessen beider Parteien mit einer Zentrale auf "neutralem Boden" unter einen Hut zu bringen. Genannt werden in diesem Zusammenhang Holland und Liechtenstein. Zwar wollte sich VW zu den Berichten am Montag nicht äußern. In Gewerkschaftskreisen hieß es aber: "Wo Rauch ist, ist auch Feuer."

Holland als Hauptquartier für den neuen Lkw-Riesen hätte wohl für MAN weniger Charme als für die Schweden: Im holländischen Zwolle unterhält Scania bereits ein größeres Werk. Auch dem schwedischen Wallenberg-Imperium mit seinem verschachtelten Besitz könnte der neue Standort entgegenkommen, hieß es in der "Süddeutschen Zeitung".

Branchenkenner bezweifeln dennoch den Sinn einer Zusammenführung der Unternehmenszentralen im Ausland. "Einen neuen Standort aufzumachen, nur um sich zu vertragen ­ ich weiß nicht, ob das eine solche Innovation ist", sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. "Das wäre dann so wie bei Daimler-Chrysler: Jeder arbeitet nebeneinander her und irgendwo ist eine Holding, die Truppen laufen getrennt in verschiedene Richtungen."

Auch NordLB-Analyst Frank Schwope hält einen Konzernsitz in einem Dritt-Land nur für einen "faulen Kompromiss", der zusätzlichen Abstimmungsbedarf zwischen Zentrale und produzierenden Standorten schaffen und höhere Kosten verursachen würde. "Das ist nicht wirklich zielgerichtet und zukunftsträchtig", sagt der Experte. Dass die gesamte Zentrale verlagert werde, könne man sich bei MAN nicht vorstellen, hieß es in München.

Konkret auf die Tagesordnung könnte das Thema kommen, wenn VW, wie in der Branche erwartet, Vertreter in den Aufsichtsrat des Münchner Konzerns entsendet. Der Autobauer dringt auf möglichst viel Einfluss in einer europäischen Nutzfahrzeug-Allianz, in die er seine brasilianischen Lkw-Aktivitäten einbringen will. Zwar ist unklar, ob die Wolfsburger mit möglichen Plänen für eine Verlagerung des MAN-Sitzes eine Mehrheit im Aufsichtsrat hinter sich bringen könnten.

Doch soll der mächtige VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch, der laut Medienberichten selbst an die Spitze des Kontrollgremiums strebt, bereits hinter den Kulissen bei Arbeitnehmervertretern für seine Ziele geworben haben und könnte das auch wieder tun: "Es ist das klassische System Piëch, dass er über den Betriebsrat versucht, Geschenke zu verteilen", heißt es.

Auch politisch würde ein Vorstoß von VW zur Zerschlagung von MAN aber als heikel gelten. Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) ließ vorsorglich schon einmal wissen, dass die Staatsregierung großes Interesse daran habe, die MAN-Standorte im Freistaat mit tausenden Beschäftigten dauerhaft zu erhalten. "Dies gilt insbesondere auch für den Konzernsitz. Die Staatsregierung wird mit dieser Zielsetzung tätig werden."

Eine Verlegung der Konzernleitung würde das lokale Steueraufkommen nur gering beeinträchtigen. "Selbst wenn MAN ganz ausfiele, wären die Auswirkungen auf den Stadthaushalt ­ derzeit etwa fünf Milliarden ­ äußerst minimal", sagte Münchens Stadtkämmerer Ernst Wolowicz.

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