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Abschied vom Karolinenplatz: Theo Zellner verlässt Ende April den Sparkassenverband.

Interview mit Theo Zellner

Sparkassen-Chef: "Billiges Geld bedroht Sparkultur"

München - Theo Zellner, 65, verlässt Ende April nach vier Jahren an der Spitze den Bayerischen Sparkassenverband. Ein Abschiedsgespräch über den Ärger mit der Landesbank und welche Musik er auf der Route 66 hört.

Herr Zellner, was haben Sie in vier Jahren als Sparkassenpräsident gelernt?

Vor allem habe ich gelernt, wie wichtig es war, dass sich die Sparkassen nach Bewältigung der Landesbank-Krise wieder voll und ganz auf ihr normales Kreditgeschäft in der Realwirtschaft vor Ort konzentrieren können. Und dann habe ich gelernt, dass die Sparkassen sehr selbstständig sind, dass der Verband vor allem als Dienstleister gefragt ist und dass die Sparkassen erwarten, dass man ihre Interessen vertritt. Ich war in diesen Jahren zum Beispiel sehr beschäftigt damit, immer wieder den Unterschied zwischen international tätigen Großbanken und dem ganz regional geprägten Kreditgeschäft der Sparkassen deutlich zu machen.

Wo waren Sie als Dienstleister gefragt?

Ich glaube, es ist gelungen, die Sparkassen wieder als großen Vertrauensgeber in einer volatilen Finanzwelt zu etablieren. Der Verband verwaltet Beteiligungen an Unternehmen im Wert von rund fünf Milliarden Euro für die Sparkassen. Die haben uns in den vergangenen Jahren sehr beschäftigt.

Sie meinen vor allem die Landesbank, oder?

Klar, die Beteiligung an der BayernLB hat uns am stärksten beschäftigt. Das war vielleicht die größte Herausforderung in meinem gesamten Berufsleben. Man muss sich das mal vorstellen: Ich musste meine Unterschrift unter ein Abkommen setzen, das Verpflichtungen in Höhe von 1,65 Milliarden Euro für die Sparkassen brachte. Am Anfang sollten wir sogar Risiken im Umfang von 2,4 Milliarden Euro übernehmen und gar nichts dafür bekommen, am Ende haben wir für die 1,65 Milliarden die LBS bekommen und unseren Anteil bei der BayernLB auf rund 25 Prozent erhöht.

Ist das ein gutes Investment?

Auf Dauer schon, glaube ich. Natürlich gab es bei den Sparkassen auch Bedenken, dass wir wieder stärker an der Landesbank beteiligt sind, aber im Kerngeschäft ist die BayernLB gut unterwegs.

Aber es gibt erhebliche Altlasten.

Das stimmt. Die ungarische MKB und der Streit mit der österreichischen HGAA um Kredite über 2,3 Milliarden Euro belasten die Landesbank stark. Aber ich habe keinen Anlass, an den juristischen Standpunkten der Landesbank zu zweifeln. Die HGAA muss die Kredite zurückzahlen.

Einen Vergleich mit den Österreichern schließen Sie also aus?

Ansprechpartner ist hier der Vorstand der BayernLB. Es ist davon auszugehen, dass Kompromisse Geld kosten würden – auch uns Sparkassen. Wir haben kein Geld zu verschenken – weder die Landesbank, noch die Sparkassen. Wir stehen da voll und ganz hinter der klaren Haltung des Vorstands der Bank.

Viel Glück hatten die Sparkassen mit ihren Beteiligungen nicht in den vergangenen Jahren.

Ja, und natürlich murren da zu Recht unsere Mitarbeiter. Bei den bayerischen Sparkassen arbeiten rund 46 000 Menschen – wir sind der drittgrößte Arbeitgeber in Bayern. Unsere Mitarbeiter haben erfolgreich gearbeitet. Ein Teil dieses Erfolges wird durch die Abschreibungen wieder aufgezehrt. Da kann ich Kritik gut nachvollziehen. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass wir auch Beteiligungen haben, die unser Geschäft als Lebensbegleiter der Kunden stärken, zum Beispiel die Versicherungskammer Bayern, die Landesbausparkasse oder die DekaBank als unser Wertpapierhaus.

Müssen Sie wegen der Abschreibungen sparen?

Wir können unsere Kosten nicht einfach beliebig senken, indem wir zum Beispiel Filialen schließen. Das geht bei uns Sparkassen nicht. Wir sind Teil der regionalen Daseinsvorsorge und haben entsprechende Verpflichtungen. Wir sind nicht irgendwelchen Aktionären verpflichtet, sondern kommunales Eigentum. Wir gehören allen.

Aber die Kunden erledigen immer mehr Bankgeschäfte über das Internet, das können die Sparkassen nicht ignorieren.

Richtig. Es gehört beides zusammen: Die Sparkassen müssen weiterhin ein Gesicht haben mit den Filialen und Mitarbeitern vor Ort, wir dürfen die modernen Medien aber auch nicht vernachlässigen.

Wie stehen die Sparkassen durch die niedrigen Zinsen da?

Diese Politik der Geldschwemme durch die EZB hat nicht den erhofften Effekt erbracht. Die Krisenländer Südeuropas kommen durch das billige Geld nicht voran. Das billige Geld wirkt wie eine Droge, die auf Dauer die Sparkultur bedroht. Das darf nicht passieren. Die niedrigen Zinsen sind eine kalte Enteignung der Sparer. Wir brauchen hier dringend eine Umkehr.

Die Gewinne der Sparkassen schrumpfen auch.

Ja, trotzdem haben wir den Teil unserer Gewinne, der ins Gemeinwohl fließt, 2013 sogar noch auf 63 Millionen Euro erhöht. Richtig ist aber auch: Obwohl wir Einlagen- und Kreditgeschäft gesteigert haben, ist das Betriebsergebnis leicht gesunken durch die Niedrigzinsen.

Wie sehr hat die überteuerte, von der Sparkasse bezahlte Geburtstagsfeier für den Ex-Landrat Jakob Kreidl dem Ansehen der Sparkassen geschadet?

Natürlich wurde ich vielfach auf den Fall angesprochen. Es handelt sich aber um einen Einzelfall. Klar ist jedenfalls: Dieses Fest war nicht angemessen.

Sie haben einen sogenannten Orientierungsrahmen aufgestellt. Der ist sehr schwammig, braucht es nicht genauere Regeln?

Wir können als Verband keine genauen Regeln aufstellen. Entscheiden muss die Sparkasse vor Ort. Regeln können wir rechtlich selbstständigen Sparkassen nicht überstülpen, aber der Orientierungsrahmen zeigt sehr wohl auf, was im Sparkassengeschäft angemessen und wichtig ist und vor allem was man nicht tun kann.

Ab 1. Mai können Sie sich voll um Ihr Ehrenamt als Präsident des Bayerischen Roten Kreuzes kümmern. Was erwartet Sie?

Das ist wieder eine Herausforderung, auf die ich mich freue. Ich konnte mir nie vorstellen, von 100 auf null zu gehen.

Klingt als würden Sie nur von 100 auf 90 gehen.

Ich habe jedenfalls keine Angst, dass mir die Arbeit ausgehen könnte. Ich möchte aber wieder Herr meiner Zeit werden.

Was möchten Sie mit der freien Zeit anfangen? Worauf freuen Sie sich?

Ich habe zwei Enkel, Katharina ist sieben und Lukas vier, mit denen möchte ich mehr Zeit verbringen. Da freue ich mich drauf. Das Opadasein ist so schön, weil man nur fürs Verwöhnen zuständig ist, erziehen müssen die Eltern. Außerdem möchte ich noch den einen oder anderen Ort auf der Welt sehen.

Wo soll’s hingehen?

Ich bin USA-Liebhaber und möchte einmal die Route 66 fahren. Man glaubt das ja gar nicht, aber ich bin ein echter 68er und die Musik von damals passt dort einfach unheimlich gut hin: die Stones, die Beatles, die Beach Boys.

Hören Sie die noch?

Ja, klar. Vor ein paar Jahren war ich am Königsplatz bei Paul McCartney, das war toll! Der stand da vorn und hat gerufen: „I say yes!“ und wir haben geantwortet: „You say no!“ (lacht)

Welchen Tipp würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?

Man ist gut beraten, wenn man viel draußen bei den Sparkassen vor Ort ist. Aber das weiß Ulrich Netzer ohnehin, da braucht er meine Ratschläge nicht.

Interview: Corinna Maier und Philipp Vetter

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