Wie Spekulanten über den Ölpreis gebieten

- New York - Vom Ölpreis weiß man wenig: Im Zweifelsfall steigt er - aber wie kommt er zustande? Die Zeiten, als nach Kaufmanns Sitte das Spiel von tatsächlich vorhandenem Angebot und Nachfrage die Preise gebar, sind vorbei. Heute bestimmen Finanzanleger die Notierungen.

<P>Rohöl wird weltweit gehandelt, der bestimmende Preis aber kommt an der New York Mercantile Exchange (Nymex), der Welt größter Warenterminbörse, zustande. Weil nirgends mehr Öl als dort gehandelt wird, orientieren sich praktisch alle Verkäufer von physisch vorhandenem Öl eng an den Notierungen der Futures in New York.</P><P>Der Sinn einer Warenterminbörse besteht darin, Verkäufern und Käufern Sicherheit zu geben. So können sich Rohölproduzenten vor Investitionsentscheidungen in neue Explorationsfelder bestimmte Preise für die Zukunft sichern. Chemiefirmen oder Fluggesellschaften gewinnen Kalkulationssicherheit.</P><P><BR>In jüngster Zeit ist das System von reinen Spekulanten dominiert. Experten schätzen, dass bis zu 40 Prozent der Preissteigerungen etwa im August, als es dicht an die 50 US-Dollar ging, durch Spekulanten verursacht wurden.<BR>Ein Future ist im Prinzip eine Preiswette. Der Käufer verpflichtet sich, zum Termin eine bestimmte Menge Öl zu einem festen Preis zu übernehmen. An der Nymex können Kontrakte bis zu 84 Monate im Voraus gehandelt werden.</P><P>Wer möchte, kann sich jederzeit für Dezember 2007 eindecken. Wer meint, dass die Preise steigen (Endpreis 30. August 2004 für den Oktober 2004-Future 43,18 US-Dollar), wird zum Beispiel bei 34,96 Dollar pro Barrel (letzte Notierung am 30. August 2004 für den Dezember 2007-Future) zugreifen. In der Börsensprache ist er dann "long" und besitzt ein "Call"-Recht. </P><P>Als Vertragspartner muss er einen Händler oder Produzenten finden, der denkt, der Preis werde fallen und der seinen Erlös absichert. Er geht "short" und hat ein "Put"-Recht. Den Preis muss der Käufer nicht gleich zahlen, sondern lediglich eine Sicherungsgebühr. Steigt der Preis für den Dezember-Future 2007 zum Beispiel um einen Dollar über den Einstandspreis, schreibt die Börse dem Konto 1000 Dollar gut, fällt er um drei US-Dollar, sind 3000 Dollar futsch. Abgerechnet wird täglich. Der Future ist handelbar, der Käufer kann sein Bezugsrecht verkaufen.</P><P>Immer der Öl-Future, der als nächster fällig wird, bestimmt den Preis. Am dritten Werktag vor dem 25. eines Monats kann der Future des kommenden Monats das letzte Mal gehandelt werden. Das heißt: Bis zum 20. August bestimmte die Notierung für den September-Future den Preis, und bis zum 22. September wird es der Oktober-Future sein.</P><P>Der gesamte Markt kann schnell in die andere Richtung laufen. Denn die Spekulanten wollen kein Öl; sie müssen die Futures irgendwann verkaufen. Gibt es viele gute Nachrichten und herrscht keine Angst vor Engpässen, müssen sie die Kontrakte gewissermaßen wie Sauer-Öl anbieten. Da kann die Spekulationsblase schnell platzen.</P>

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