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Technologie aus Deutschland ist begehrt: Inzwischen sind es auch Nachrichtendienste, die an den Geheimnissen der Industrie interessiert sind. Die Konzerne rüsten ihre Abwehrsysteme auf (im Bild: Siemens-Generatorenwerk in Erfurt).

Kriminelle, Geheimdienste und die Mitarbeiter

Wie Spione Bayerns Firmen bedrohen

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München - Unternehmen geraten immer öfter ins Visier von Verbrecherbanden und ausländischen Geheimdiensten. Die Angriffe kommen oft aus China oder Russland. Die größte Gefahr aber lauert im Unternehmen selbst: Die eigenen Mitarbeiter.

Marco Mille, Sicherheitschef bei Siemens und Ex-Geheimdienstchef.

Der Angriff kam aus München-Perlach. 20 Hacker hatten von hier aus versucht, die Sicherheitssysteme des Elektronik-Konzerns Siemens zu knacken – und sie versuchen es tagtäglich aufs neue. Die Hacker sind Mitarbeiter von Siemens und sitzen im Forschungszentrum in der Otto-Hahn-Straße. Siemens beschäftigt die Truppe, um Schwachstellen in den IT-Systemen zu finden, bevor es anderen gelingt. „Die Komplexität und die Zahl der Angriffe haben extrem zugenommen“, klagt Marco Mille, Sicherheits-Chef bei Siemens. Vielleicht sehe man aber einfach nur mehr, da man inzwischen besser aufgestellt sei.

Siemens hat aufgerüstet, um seine Technologie zu schützen. Mille hat lediglich eine Ahnung davon, wer seine Gegner sind. Er weiß, dass es nicht nur organisierte Verbrecherbanden oder Konkurrenten sind, die im Firmen-Netzwerk schnüffeln wollen. Er weiß, dass zunehmend Geheimdienste anderer Staaten sein Unternehmen bedrohen. „Das ist die Fortführung des Konkurrenzkampfs mit anderen Mitteln“, sagt Mille, ein ausgewiesener Profi in Sachen staatlicher Spionage. Nicht umsonst hat der damalige Siemens-Chef Peter Löscher den Luxemburger nach München geholt – im Großherzogtum war Mille jahrelang Chef des Geheimdienstes SRE.

Der bayerische Verfassungsschutz warnt die Unternehmen seit Jahren davor, dass chinesische und russische Nachrichtendienste zunehmend bayerische Firmen ins Visier genommen hätten. Unter dem Deckmantel offizieller Vertretungen wie Botschaften oder Konsulate gäben sich die Spione als einfache Mitarbeiter, Diplomaten oder Journalisten aus, manche seien Studenten, in Deutschland besuchen sie Messen und Vortragsveranstaltungen, warnt die Behörde. In China selbst sei erst vor kurzem ein Unternehmer aus Bayern vom dortigen Nachrichendienst erpresst worden, um an Insiderinformationen zu kommen.

Eine ähnliche Erfahrung hat der Hubschrauber-Hersteller Airbus Helicopters in Ottobrunn bereits vor Jahren gemacht: Als das Unternehmen 2011 Eurocopters hieß, verurteilte das Oberlandesgericht München einen österreichischen Soldaten zu einem Jahr Haft auf Bewährung. Der damals 54-Jährige hatte gestanden, seit 1997 für den russischen Geheimdienst SWR spioniert zu haben. Der Soldat holte einen Ingenieur des Unternehmens mit ins Boot und arrangierte in Moskau ein Treffen mit Geheimdienstoffizieren. Auf Partys, bei denen auch reichlich Alkohol und Sex im Spiel gewesen sein soll, gewannen die Russen das Vertrauen des Ingenieurs aus dem Landkreis München. Er hatte das, wonach die Russen suchten: Wartungs- und Flughandbücher für verschiedene Hubschraubertypen.

Hans-Georg Maaßen, Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz.

Heute ist das Internet das große Einfallstor für Spionage. Hans-Georg Maaßen, Chef des Bundesverfassungsschutzes in Köln, spricht von „Kampagnen“, die insbesondere Russland inzwischen fahre – inzwischen werde nicht nur spioniert, sondern auch sabotiert. Mit einfachen Trojanern und Viren hätten die Angriffe nicht mehr viel gemein. Ein Angriff mit dem kryptischen Name „ABT28“ beschäftigt Maaßens Beamte seit 2007. Prominentestes Opfer: Das IT-System des deutschen Bundestages. Aber auch der französische Fernsehsenders TV5Monde soll durch ABT28 lahmgelegt worden sein. Wie sich später zeigte, habe nicht der IS dahinter gesteckt, sagt Maaßen, sondern der russische Geheimdienst. Offenbar sollte so politisch Stimmung gegen den IS gemacht werden – auf Kosten des Fernsehsenders.

Alfred Gaffal, Präsident der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft.

Größtes Risiko bleiben aber die eigenen Mitarbeiter, warnte vergangene Woche die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) auf einem Kongress vor Unternehmern. „Am wichtigsten ist es, die Mitarbeiter für sicherheitsrelevante Themen zu sensibilisieren“, bekräftigte vbw-Präsident Alfred Gaffal. Um sich zu schützen, müssten die Firmen ihre Schwachstellen analysieren. Gerade der Mittelstand würde die Gefahr oft unterschätzen. „Trotz des NSA-Skandals und der Enthüllungen von Edward Snowden sind sich die Unternehmen des Risikos nicht bewusst“, befürchtet Gaffal.

Wie heimtückisch und professionell die Täter inzwischen vorgehen, zeigte erst kürzlich ein Fall in Poing im Landkreis Ebersberg: Vergangenen November landete bei einem Mitarbeiter des Autoteilehändlers Stahlgruber eine E-Mail der Geschäftsführung im Postfach. Darin forderte die Geschäftsführung den Mitarbeiter auf, wegen einer bislang geheimgehaltenen Firmenübernahme einen sechsstelligen Euro-Betrag zu überweisen. Es folgten zwei Telefonate mit einer Anwaltskanzlei, der Mitarbeiter gab die Zahlung bei der Bank in Auftrag. Was er nicht ahnte: Die E-Mail war eine Fälschung, die Anwaltskanzlei gab es überhaupt nicht. Real war lediglich die Banküberweisung. Der Millionenbetrag verschwand auf einem Treuhandkonto in Zypern, die Ermittlungen laufen bis heute.

Meist werden solche Fälle aber gar nicht erst bekannt, weil sich viele Unternehmen nach Cyber-Attacken schlicht nicht trauen, den Vorfall den Behörden zu melden. Zu groß ist die Sorge, Kunden könnten das Vertrauen verlieren. Dabei ist nach Angaben des Branchenverbands Bitcom in Deutschland bereits jedes zweite Unternehmen Opfer digitaler Wirtschaftsspionage geworden.

Joachim Herrmann (CSU), bayerischer Innenminister.

Die Staatsregierung in Bayern hat auf die Sorgen der Unternehmer mit einem juristischen Trick reagiert. Statt beim Landeskriminalamt hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sein Cyber-Allianz-Zentrum beim Verfassungsschutz angesiedelt. Grund: „Wenn der Verfassungsschutz von einer Straftat erfährt, muss der den Fall nicht bei der Staatsanwaltschaft anzeigen“, begründet Hermann sein Vorgehen. Die Attacke bleibt trotz der Kooperation mit den Behörden geheim – der Verfassungsschutz warnt andere Betriebe, denn meist ist es eine Branche, die attackiert wird.

„In Bayern funktioniert die Kooperation mit den Behörden sehr gut“, lobt Mille. Als Sicherheitschefs eines Weltkonzerns, dessen IT-Netzwerk sich über den Globus erstreckt, ist er auf die Behörden hierzulande angewiesen. Und dem Verfassungsschutz vertraue er mehr als Whats-App oder Facebook, sagt der Ex-Geheimdienstler. Der Druck ist inzwischen so groß, dass Mille einen unkonventionellen Weg eingeschlagen hat: Siemens arbeite bei Sicherheitsthemen sogar mit Konkurrenten zusammen, räumt er ein. Mit wem, will er nicht verraten.

Klar ist, dass die Industriespionage durch Konkurrenten nach wie vor eine Rolle spielt. Das bestätigt auch Siemens. Eine Form der Spionage, von der Bayern sogar einst profitiert hat: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts spionierte der Ingenieur Georg Friedrich von Reichenbach in England bei Boulton & Watt die Konstruktion und Produktion von Dampfmaschinen aus. Nach seiner Rückkehr nach Bayern wurde Reichenbach zu einem der wichtigsten Unternehmer und Erfinder im rückständigen Agrarstaat. Bayern verehrt den Vater der Industrialisierung bis heute. In der Landeshauptstadt München sind nach dem Industriespion eine Straße, ein Platz und eine Brücke über die Isar benannt.

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