"Spitzengehälter sind sittenwidrig"

Interview: - München - In 20 von 27 EU-Ländern gibt es bereits einen Mindestlohn. Die deutsche Regierung will Lohnuntergrenzen jedoch nur für einzelne Branchen. EU-Beschäftigungskommissar Vladimir Spidla über Lohndumping, Spitzengehälter und die Angst vor Europa.

Warum tut sich Deutschland mit Mindestlöhnen so schwer?

Die Einführung von Mindestlöhnen ist nie eine leichte Frage. In Deutschland gibt es zudem eine besondere Situation - hier ist das Tarifsystem sehr ausgeprägt.

Halten Sie Mindestlöhne denn für sinnvoll?

Ich halte die Ausweitung des Mindestlohns auf weitere Branchen für richtig.

Kann so Lohndumping verhindert werden?

Nur teilweise: Lohndumping kommt vor allem im Bereich der illegalen Beschäftigung vor. Die EU-Kommission arbeitet daher an einer europäischen Strategie gegen Schwarzarbeit.

Sie fordern nicht nur Lohnuntergrenzen, sondern auch Obergrenzen für Spitzenverdiener.

Sittenwidrigkeit hat für mich durchaus zwei Grenzen - nach unten und nach oben. Ab einer gewissen Größe sind Lohnunterschiede kaum zu rechtfertigen.

Lässt sich eine Gehaltsbegrenzung politisch überhaupt durchsetzen?

Das ist natürlich sehr schwierig. Schließlich geht es um eine Frage der Ethik. Außerdem ist die Situation in jedem EU-Land anders.

 Minijobs, Zeitarbeit - die sogenannte atypische Beschäftigung steigt. Eine Gefahr?

Es gibt Beispiele, da sind solche Beschäftigungsmodelle für beide Seiten sinnvoll. Man sollte sie also nicht grundsätzlich verdammen. Aber ich sehe die Gefahr einer Spaltung des Arbeitsmarktes. Wir fordern daher eine Mischung aus Flexibilität für die Arbeitgeber und Sicherheit für die Beschäftigten. Das Wichtigste ist, dass sich beide auf Augenhöhe begegnen. Ohne Zweifel haben Unternehmen eine soziale Verantwortung. Wer anständig arbeitet, muss auch einen anständigen Lohn bekommen.

Sie haben selbst als Aushilfskraft gearbeitet. Können Sie die Ängste der Menschen vor der Globalisierung verstehen?

Ich habe Verständnis für die Ängste. Das ist eine ganz normale Reaktion auf die Veränderungen. Der einzelne Nationalstaat hat Probleme, die Folgen der Globalisierung aufzufangen. Daher muss die EU quasi als Schutzmacht auftreten und vernünftig auf die Veränderungen reagieren.

Viele Betriebe klagen über Fachkräftemangel. Muss Deutschland seine Grenzen öffnen?

Es gibt viele Beispiele, dass die Freizügigkeit der Arbeitskräfte die Wirtschaft fördert. Eine Studie belegt: Jeder Ingenieur, der nach Deutschland kommt, schafft zwei neue Arbeitsplätze. 

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