Sprit und Heizöl immer teurer

München - Der Rohölpreis nähert sich in großen Schritten der noch nie geknackten 100-Dollar-Marke. Fachleute sehen Spekulanten am Werk. Darunter leiden vor allem die Besitzer von Diesel-Fahrzeugen und Haushalte mit Ölheizung.

In der Nacht zum Donnerstag schlug die Preiskurve an der New Yorker Rohstoffbörse aus wie sonst nur selten. Hatte es zum Wochenbeginn noch so ausgesehen, als ob sich Öl nach dem zuletzt drastischen Anstieg wieder verbilligt, ging es urplötzlich erneut steil nach oben. Auf einmal zahlten die Händler für ein 159-Liter Fass der Sorte WTI über 96 Dollar und damit so viel wie nie zuvor. Binnen 24 Stunden hatte sich der Kurs um sechs Dollar erhöht. Zur Erinnerung: Im Januar kostete ein Barrel noch 56 Dollar.

Den Trend zur Entspannung drehten mehrere Nachrichten um. Zum einen hatte das US-Energieministerium die niedrigsten Rohölbestände in den USA seit zwei Jahren gemeldet. Zum anderen feuerte die Notenbank Fed den Preis mit ihrer Zinssenkung an. Weil damit der Dollar weiter unter Druck geriet, flüchteten sich Anleger in sicher erscheinende Sachanlagen wie Öl. Zudem wird erwartet, dass die niedrigeren Zinsen die Konjunktur der weltgrößten Volkswirtschaft am Laufen halten, was die Nachfrage weiter steigen lässt.

Beobachter in Deutschland schütteln über die Preisentwicklung den Kopf. "Alles über 70 Euro ist Spekulation", sagte der Rohstoff-Experte des Hamburger Wirtschaftsinstituts HWWI, Klaus Matthies gegenüber unserer Zeitung. Ähnlich äußerte sich die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbands: "Es gibt am Ölmarkt keine Knappheit, die den Preis rechtfertigt", sagte sie.

Die Verbraucher kann das nicht trösten. Im Zuge des Ölrekords kletterte gestern auch der Preis für Diesel mit 1,24 Euro je Liter an den Tankstellen auf ein nie da gewesenes Hoch. Superbenzin verteuerte sich auf 1,39 Euro, blieb damit aber noch gut fünf Cent unter seinem Allzeithoch von 144,5 Euro pro Liter vom 3. September 2005. Damals hatte der Wirbelsturm Katrina 30 Bohrinseln im Golf von Mexiko verwüstet.

Aber nicht nur Auto fahren, auch heizen wird teurer. Für Gasabnehmer wird sich das erst in einigen Monaten auswirken, da sich die Ölpreisbindung zeitversetzt auswirkt. Heizölkäufer jedoch trifft es schon jetzt: "Die Preise sind von Mittwoch auf Donnerstag um zwei Cent je Liter gestiegen", sagte Oliver Klapschus vom Vergleichsportal Heizoel24.de auf Nachfrage. Der Preis für die Belieferung einer Durchschnittsfamilie (3000 Liter) hat sich nach seinen Worten in der Region München auf 67,5 Cent je Liter erhöht. Das sind rund 10 Cent mehr als vor zwei Monaten und so viel wie noch nie in diesem Jahr.

"Auf keinen Fall sollte man jetzt den Tank vollmachen", sagt Klapschus. Er rät Verbrauchern, die noch genügend Reserven haben, ein, zwei Wochen abzuwarten, ob sich der Markt beruhigt. Wer dringend neuen Heizstoff benötige, solle nur eine Teilmenge kaufen.

Mit einer deutlichen Entspannung in absehbarer Zeit rechnet allerdings kaum ein Experte. "Kurzfristig ist die 100-Dollar-Marke für Öl nicht unwahrscheinlich", sagt Klaus Matthies vom HWWI. Wirklich niedriger würden die Preise erst wieder Anfang kommenden Jahres sinken, wenn die Heizölnachfrage abnimmt. Matthies rechnet dann mit einem Ölpreis von 75 Euro, hat aber noch einen Trost parat: "Wäre der Euro gegenüber dem Dollar nicht so stark, hätten wir an den Tankstellen noch höhere Preise."

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