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Bis zu 110 Prozent mehr: Drastische Tariferhöhungen der Stadtwerke – Verbraucherschützer mit massivem Vorwurf

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Von: Lisa Mayerhofer

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Zum Jahreswechsel erhöhen zahlreiche Energieversorger die Strompreise teilweise drastisch. Verbraucherschützer und ein Stadtwerke-Chef sehen darin Kalkül – auf Kosten der Steuerzahler.

München – Millionen Haushalte müssen Anfang des nächsten Jahres mit heftigen Preiserhöhungen für Strom und Gas rechnen. Das Vergleichsportal Verivox erklärte im November, die regionalen Grundversorger hätten bereits 137 Strompreiserhöhungen und 167 Gaspreiserhöhungen zum Jahreswechsel angekündigt – Strom wird im Schnitt 61 Prozent teurer, Gas um 54 Prozent. Das bedeutet Mehrkosten von mehreren hundert Euro, die auch die Strompreisbremse nicht komplett abfangen kann.

Strompreise: Tariferhöhungen um 110 Prozent in München und Leipzig

Das Portal Check24 zählte 194 Strompreiserhöhungen, von denen 4,2 Millionen Haushalte betroffen seien. Der Anstieg betrage im Schnitt 61,8 Prozent. Bei einem Verbrauch von 5000 Kilowattstunden entspreche das Mehrkosten von 975 Euro im Vergleich zum 30. September dieses Jahres.

Teuer wird es vor allem für Kunden der Stadtwerke. Denn diese erhöhen ihre Tarife im kommenden Jahr teilweise um mehr als hundert Prozent: Während Rheinenergie aus Köln den Strompreis um 77 Prozent ansteigen lässt, trifft es Kunden in Leipzig und München bei den Grundversorgungstarifen besonders hart: Beide erhöhen die Preise um satte 110 Prozent – in München kostet damit eine Kilowattstunde Strom ab Januar 61,89 Cent, in Leipzig 52,12 Cent, wie das Handelsblatt berichtet.

Stadtwerke-Chef: Preise bis 45 Cent die Kilowattstunde „plausibel“.

Diese dramatischen Aufschläge werden zwar teilweise von der Strompreisbremse abgefangen – die Deckelung greift ab einem Preis von 40 Cent die Kilowattstunde für 80 Prozent des bisherigen Verbrauchs. Doch Verbraucher werden trotzdem mit Mehrkosten rechnen müssen.

Ob diese drastischen Erhöhungen trotz Energiekrise wirklich gerechtfertigt sind, daran wachsen allerdings Zweifel – auch innerhalb der Stromanbieter. Steffen Arta, Geschäftsführer der Stadtwerke Dreieich, kritisiert, dass die Strompreise von einigen Versorgern zu stark erhöht wurden, zuungunsten der Steuerzahler. Denn: Finanziert würden diese überteuerten Tarife am Ende mit Staatsgeldern, sagte Arta gegenüber dem Handelsblatt.

Steckdosenleiste mit Kippschalter und Geld.
Die Strompreise steigen zum Jahreswechsel für zahlreiche Verbraucher – trotz Strompreisdeckel. (Symbolbild) © McPHOTO/B. Leitner/Imago

Er hat sich deshalb in einem Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und weitere Politiker gewandt. Der Brief liegt dem Nachrichtenportal focus.de vor. Darin begrüßt er zwar die Deckelung der Energiepreise, doch er warnt auch: „Ernste Sorgen bereitet mir die geplante Ausgestaltung der Energiepreisbremsen in Verbindung mit der Preispolitik einzelner Versorgungsunternehmen, die in der diskutierten Form politisch nicht gewollt sein kann.“

In seinen Augen seien bei der Stromversorgung Preise bis 45 Cent die Kilowattstunde „plausibel“. „Aber da sind einige Stadtwerke ja schon deutlich drüber“, sagt Arta dem Handelsblatt. Die Stadtwerke Dreieich selbst erhöhen zwar ebenfalls die Preise zum Jahreswechsel – aber auf im Vergleich sehr moderate 37,50 Cent pro Kilowattstunde. 

Preiserhöhungen beim Strom: Verbraucherschützer fürchten Mitnahmeeffekte

Doch warum sind die Preise anderer Stadtwerke und Grundversorger dann so viel höher? „Das Argument der Anbieter mit sehr hohen Grundversorgungspreisen ist, dass sie ihre Energiemengen sehr kurzfristig am Markt beschaffen mussten“, sagt der Geschäftsführer dem Magazin. Diese Strategie müsse sich dann aber auch in der Vergangenheit schon gezeigt haben. Die Grundversorger hätten also vorher vergleichsweise günstiger sein müssen, als die Marktpreise niedrig waren. „Hier war aber immer das Argument, dass man sich langfristig eindeckt und deswegen der Grundversorger nie der billigste Anbieter am Markt sein kann“, kritisiert Arta im Handelsblatt.

Auch Verbraucherschützer zeigen sich alarmiert. „Im Moment gibt es unter den Grundversorgern eine so große Preisspanne, wie wir sie noch nie gesehen haben“, sagt Christina Wallraf von der Verbraucherzentrale NRW dem Magazin. Diese Preise könne man sich nicht erklären – „das wirft Fragen auf“.

Die Verbraucherschützer fürchten deshalb Mitnahmeeffekte: „Der ein oder andere Anbieter sieht jetzt eine gute Möglichkeit, die Preise zu erhöhen, ohne dass ihm die Kunden weglaufen, weil er den vollen Preis ja ohnehin für 80 Prozent erstattet bekommt“, warnt Verbraucherschützerin Wallraf im Handelsblatt. Das Problem: Diese Befürchtung nachzuweisen, wird ein langwieriger und schwieriger Prozess – und wäre dann Aufgabe der Kartellämter. (lma/AFP)

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