Stahlindustrie vor Streiks

- Sprockhövel - Die Zeichen für die 85 000 Beschäftigten in der boomenden westdeutschen Stahlindustrie stehen auf Streik. Nach dem Abbruch der Tarifverhandlungen hat die Tarifkommission der IG Metall den Vorstand in Frankfurt aufgerufen, eine Urabstimmung über mögliche Streiks einzuleiten. "Wir haben uns bewegt, die Arbeitgeber nicht. Deswegen gibt es jetzt Ärger", sagte Verhandlungsführer Detlef Wetzel am Mittwoch nach einer Kommissionssitzung im nordrheinwestfälischen Sprockhövel. IG Metall-Vize Berthold Huber signalisierte zum Urabstimmungsbeschluss der Kommission bereits Zustimmung.

<P>Der Arbeitgeberverband Stahl hält aber auch nach der Entscheidung der Tarifkommission eine Einigung noch für möglich. "Die Tür ist noch nicht endgültig zugeschlagen", sagte Verbandssprecher Volker Becher in Düsseldorf. "Wenn die IG Metall ein Zeichen gibt, stehen wir bereit." Der Verband wolle ansonsten die Entscheidung des IG MetallVorstandes abwarten.<BR><BR>Mit einem Beschluss ist bis Dienstag zu rechnen, eine Urabstimmung soll bis zum 19. Mai möglich sein. An einem Konzept für den eventuellen Arbeitskampf werde schon gearbeitet: "Das wird den Arbeitgebern keine Freude bereiten", sagte Wetzel.<BR><BR>IG-Metall-Vize Huber machte die Arbeitgeber für einen möglichen Streik verantwortlich. "Die Stahlindustrie boomt wie seit Jahrzehnten nicht mehr, die Vorstände haben ihre Bezüge ausnahmslos zweistellig erhöht. Aber die Arbeitnehmer wollen sie mit einer Lohnerhöhung unter der Inflationsrate abspeisen", sagte Huber in Frankfurt. "Wir werden das nicht akzeptieren."<BR><BR>Mit ihrem Verhalten lieferten die Arbeitgeber den Beweis für die Notwendigkeit der Kapitalismus-Debatte. Deutschland stehe in den sozialen Beziehungen vor einer grundlegenden Richtungsentscheidung, ob nur noch Aktionäre und Vorstände vom wirtschaftlichen Wachstum profitierten. "Wenn die Arbeitgeber uns zwingen, werden wir einem Arbeitskampf nicht aus dem Weg gehen", sagte Huber.<BR><BR>Mit Blick auf die Urabstimmung rechnet Wetzel mit einer "ganz eindeutigen Zustimmung". Schon bei den Warnstreiks der vergangenen Wochen hätten sich fast die Hälfte der Stahlarbeiter beteiligt. Die Entscheidung der Kommission, die Verhandlungen für gescheitert zu erklären, sei außerdem einstimmig gefällt worden.<BR><BR>Experten sehen die Stahlunternehmen durch einen Streik nur gering belastet. "Das würde nur eine kleine Delle geben", sagte Fabian Kania, Analyst bei der Helaba in Frankfurt. Die Konzerne hätten bereits eine Drosselung ihrer Produktion bekannt gegeben. ThyssenKrupp und Salzgitter wollen die Preise für Stahl stabil halten, die durch hohe Lagerbestände bei den Kunden unter Druck geraten sind. Nach Einschätzung eines Experten einer süddeutschen Bank würde eine Anhebung der Löhne die Unternehmen nur gering belasten, da zwei Drittel der Produktionskosten auf Energie und Rohstoffe entfielen.<BR><BR>Die IG-Metall hat bislang 6,5 Prozent mehr Lohn für die 85 000 Beschäftigten in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen gefordert. Die Arbeitgeber waren mit einem Angebot von 1,9 Prozent Einkommenserhöhung in die Gespräche gegangen und hatten dieses auf 2,4 Prozent mit einer Laufzeit von 19 Monaten erhöht. Dazu wollten sie einmalig 800 Euro zahlen. Neben der westdeutschen Stahlindustrie gibt es noch die Tarifgebiete Brandenburg und Saarland. Dort wird später verhandelt.</P>

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