Der starke Euro tut der Wirtschaft nicht weh

Interview: - Der Euro steht kurz vor seinem Allzeithoch von Dezember 2004. Damals stieg die Gemeinschaftswährung auf 1,3666 US-Dollar. Wir sprachen mit Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der BayernLB, über die Folgen.

Der Euro kratzt an seinem alten Allzeithoch. Ist das für die deutsche Wirtschaft (a) ein Grund zu feiern, (b) eine Katastrophe oder (c) völlig unerheblich?

Wenn ich zwischen diesen drei Schlussfolgerungen wählen muss, entscheide ich mich für (a). Denn eine Katastrophe ist das Rekordhoch nicht.

Nein?

Nein. Die deutsche Industrie hat in den vergangenen Jahren durch Produktivitätssteigerungen und die Senkung der Lohnstückkosten so stark an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen, dass die Euro-Aufwertung beim gegenwärtigen Ausmaß noch nicht wehtut. Zudem profitieren Branchen wie die Rohstoff-intensiven Industrien, da viele Rohstoffe wie Rohöl in Dollar gehandelt werden. Und dann haben wir auch noch einen Vorteil auf den Kapitalmärkten. Denn eine Währung, die aufwertet, kann niedrigere Zinsen bieten.

Sie sehen also keine Gefahr für die exportstarke deutsche Wirtschaft? Beim letzten Rekordstand im Dezember 2004 stimmten die Unternehmen ein großes Wehklagen an...

Beim Export spielt die Dynamik in der Welt eine wichtigere Rolle als der Wechselkurs. Und wir haben seit einigen Jahren eine sehr hohe Dynamik, die voraussichtlich 2007 und 2008 anhalten wird. Das ist für die Ausfuhr das stärkere Argument als der Wechselkurs. Durch den Euro sind wir auf unserem wichtigsten Absatzmarkt, dem Euroraum, weitgehend von Aufwertungseffekten verschont. Außerdem haben die deutschen Unternehmen ­ wie erwähnt ­ ihre Wettbewerbs\-situation deutlich verbessert.

Warum ist der Euro so stark gegenüber dem Dollar?

Mittelfristig sind zurzeit die Wachstums- und Zinsdifferenzen zwischen den USA und dem Euroraum die maßgeblichen Einflussfaktoren. Und beides spricht gegenwärtig für den Euro. So hat sich die US-Konjunktur spürbar abgeschwächt, bei kräftig anziehender Konjunktur im Euroraum.

Viele Beobachter sehen die europäische Gemeinschaftswährung in den kommenden Monaten auf 1,40 Dollar steigen. Was denken Sie?

Auch in unserer Prognose touchiert der Euro die Marke von 1,40 Dollar in den nächsten Monaten. Wir gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank nicht nur im Juni die Zinsen erhöht, sondern vielleicht auch im Herbst und nochmals Anfang 2008. Dann lägen wir bei 4,5 Prozent. In den USA hingegen erwarten wir beginnend im September 2007 Leitzinssenkungen. Das macht den Dollar gegenüber dem Euro weniger attraktiv und wird sicherlich noch ein paar Cent kosten.

Wo liegt die Schmerzgrenze?

Derzeit liegt sie für deutsche Exporteure wohl deutlich oberhalb von 1,40 Dollar. Problematisch wäre es, wenn der Euro sehr schnell in Richtung 1,50 Dollar steigt. Dann ergäbe sich für die Unternehmen eine hohe Unsicherheit in der Planung und sie würden sich mit Investitionen zurückhalten. Ein bremsender Effekt wäre die Folge. Eine solche Entwicklung würde wohl auch die Rallye am Aktienmarkt unterbrechen.

Können eigentlich auch die Verbraucher von einem starken Euro profitieren?

Ja. Benzin, Heizöl und auch Gas werden billiger, weil die Rohstoffe dieser wichtigen Energieträger in Dollar gehandelt werden. Das Gleiche gilt für Importe aus dem Dollarraum. Zudem tritt beim Urlaub im Dollar-Ausland, vor allem in den USA, eine Vergünstigung ein. Und zum Dritten: Die Zinsen sind tendenziell niedriger, was die Kreditaufnahme für den Wohnungsbau oder andere Zwecke erleichtert.

Lassen Sie uns einmal über den Tellerrand blicken: Was bedeutet der starke Euro für die Weltwirtschaft?

Amerika muss irgendwann von seinen riesigen Leistungsbilanzdefiziten herunterkommen. Und dazu gehört mittelfristig auch eine Abschwächung des Dollar bzw. eine Aufwertung der Währungen von Ländern, die hohe Überschüsse verzeichnen. Das sind heute neben Japan vor allem China und Rohstoffe exportierende Schwellenländer wie Russland und die Opec-Länder. Eine geordnete Anpassung der Wechselkurse über einen längeren Zeitraum wird die Weltwirtschaft stabiler machen, weil die Ungleichgewichte abgebaut werden. Damit sinkt die Gefahr, dass es zu schädlichen abrupten Veränderungen kommt.

Der starke Euro bringt also nur Gutes?

Derzeit ja, wenngleich einige unserer Partner im Euroraum damit größere Probleme haben werden. Kritisch würde es erst, wenn sich der Wechselkurs in kurzer Frist stark ändert und dies die Erwartungen bestimmt. Das würde bei Unternehmen und an den Finanzmärkten Verunsicherung auslösen. Aber wenn sich der Dollar über einen mehrjährigen Zeitraum gegenüber dem Euro weiter graduell abschwächt, dann wäre das eine sehr gesunde Entwicklung. In der Praxis vollzieht sich die Wechselkursentwicklung jedoch in aller Regel weit weniger gleichförmig.

Das Gespräch führte Florian Ernst.

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