Start ins Ungewisse mit sieben Autos

- München - Automobile hatten bereits luftgefüllte Reifen und Stoßstangen. Scheibenwischer wurden per Gestänge mit der Hand bewegt. In den USA baute eine Autoschmiede namens Cadillac die ersten elektrischen Anlasser ein. Der Beginn der Massenproduktion von Autos an den Fließbändern von Ford sollte erst ein Jahr später starten, als Martin Sixt 1912 in München sieben Autos sein Eigen nannte.

Tankstellen gab es in Deutschland damals nicht. Sixt musste Treibstoff in der Apotheke holen. Bei Überlandfahrten konnte man hoffen, dass ein findiger Schmied den Verkauf von Benzin aus einem Fass hinter der Werkstatt bereits als Nebenerwerb entdeckt hatte. Man muss dies vor Augen haben, um den Pioniergeist von Martin Sixt zu verstehen. Er tat - als Erster in Deutschland -, was sein Großneffe Erich immer noch tut: Er vermietete Autos.

Es waren repräsentative Landaulets mit Chauffeur, aber auch Viersitzer von Mercedes, die - weil der Fahrer im Innenraum Platz fand - für Selbstfahrer geeignet waren. Touristen aus England oder Amerika machten von der Möglichkeit Gebrauch, Deutschland so zu bereisen.

Die Flotte wuchs über Jahrzehnte. Hans Sixt, der Neffe des Gründers, brachte es auf rund 200 Fahrzeuge, dessen Sohn Erich zählt heute rund 45 000. Fast immer waren es bevorzugt die teureren Autos zunächst aus Stuttgart, später auch aus München und Ingolstadt.

Schon zwei Jahre nach Gründung ließ der Kaiser die Sixt-Flotte konfiszieren, um sie im Einsatz an der Front zu verschleißen. Nach vier Jahren Krieg gelang der Neustart in der Seitzstraße (wo Sixt heute noch einen wichtigen Standort hat). Doch auch im Zweiten Weltkrieg ging das Unternehmen nahezu vollständig unter, die Zentrale in München wurde zerbombt. Hans Sixt stand damals an der Spitze. Beim Neuanfang erwies sich auch der Chef der zweiten Generation als weitblickend: Nur ein Mercedes 230 Landaulet hatte den Krieg unbeschadet in einer Scheune überstanden: Das Fahrzeug, als Chauffeur-Limousine wurde zum Startkapital für den zweiten Neuanfang. Hans Sixt, der gut Englisch sprach, sicherte sich eine Lizenz als Taxiunternehmen für die Soldaten der US-Army in Bayern. "Die Dollars machten ihn zeitweise wohl zu einem der reichsten Männer Bayerns", erzählt sein Sohn. Doch 95 Prozent Einkommenssteuer, die unter dem Besatzungsregime galten, ließen den Reichtum schnell schwinden. 1948 stattete Sixt als Erster in Europa Taxis mit Funkgeräten aus, bevor 1951 erneut die Vermietung in den Mittelpunkt rückte.

Als Erich Sixt 1969 den Chefsessel von seinem Vater übernahm, war das Unternehmen die Nummer eins in München. Heute ist es die Nummer eins in Deutschland.

Auch der Großneffe des Gründers bewies Pioniergeist: Erich Sixt hatte in den USA Leasing kennen gelernt. "Das konnte man in Deutschland noch nicht einmal buchstabieren", lacht er. Über Fernschreiber schrieb er Firmen an, versprach ihnen einen billigeren Fuhrpark.

Krauss-Maffei war der erste Erfolg. "Er hat mir etwas geschenkt, was man nicht so häufig bekommt", sagt Erich Sixt über den Vertriebschef des Rüstungsunternehmens: "Sein Vertrauen." Der Vertrag hat die Sixt-Flotte auf einen Schlag verdoppelt. Als dann auch noch die Kosmetik-Firma Avon dazukam, stieg die Zahl der Autos auf über 800. Als einziger Autovermieter hat sich Sixt bis heute auch auf Leasing spezialisiert. 56 000 Autos sind diesem zweiten Standbein des Unternehmens zugeordnet. Nach wie vor bringt aber die Vermietung rund drei Viertel des Umsatzes und des Gewinns.

Das rasante Wachstum wurde zum Maßstab für Erich Sixt. "200 Autos, das hat mir keinen Spaß gemacht", sagt er rückblickend. Heute will das Unternehmen auch in Europa an die Spitze. Europcar, Hertz und Avis liegen hier noch vor Sixt. Doch: "Die sehen uns bereits im Rückspiegel und wir drücken aufs Gas", sagt Erich Sixt, der aber auch schon andere Kontinente im Auge hat: Asien, Australien, Nord- und Südamerika. Dort allerdings, in Osteuropa und zum Beispiel auch in Italien setzt Sixt auf Franchise. Das Unternehmen liefert seinen Partnern vor allem Know-how. "Alles, was sie nicht haben, bekommen die von uns", sagt Erich Sixt. Er bekommt dafür fünf Prozent vom Umsatz, "eine anständige Rendite ohne Kapitalrisiko". So fahren viele Fahrzeuge unter der Flagge von Sixt, gehören aber nicht zum Unternehmen. Allein in Israel sind es 25 000 Autos.

"Wir sind angriffslustig", sagt Sixt zur weiteren Entwicklung, die er weiterhin selbst gestalten will. "Ich bin physisch und geistig fit", sagt er "und habe Spaß am Geschäft." Er selbst hat im Alter von 26 Jahren das Unternehmen übernommen. Sein Ältester ist mittlerweile ebenso alt, doch das Unternehmen ist ein anderes geworden. "Ich habe damals nicht die Führungsverantwortung gehabt, für tausende Mitarbeiter", skizziert Erich Sixt den Unterschied. "Das wäre dann nicht so glatt gelaufen. Dafür müssen Sie schon Erfahrung haben."

Noch einen weiteren Vorteil hatte Sixt bisher immer, einen, den er kaum mehr an einen Nachfolger übergeben kann. "Wir waren der David", sagt er über das eigene Unternehmen. "Die haben mich eigentlich ständig unterschätzt."

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