Statistik kämpft gegen Gefühl

- München - "Der Euro hat alles teurer gemacht", schimpfen die Verbraucher. "Stimmt nicht", sagen die Experten, das Statistische Bundesamt in Wiesbaden liefert die Beweise. Seit zweieinhalb Jahren geht der Streit zwischen Euro-Skeptikern und Statistikern hin und her. Die aktuellen Zahlen belegen: Seit der Einführung der Gemeinschaftswährung ist die Teuerungsrate in Deutschland mit 3,3 Prozent weniger stark gestiegen als in der Endzeit der D-Mark (4,3 Prozent).

<P>Warum Verbraucher trotzdem der Meinung sind, der Euro sei ein Teuro, erklärt Wirtschaftspsychologe Guido Kiell vom Marktforschungsinstitut Psychonomics anhand eines Phänomens mit evolutionsbiologischem Hintergrund: "Der Mensch nimmt negative Veränderungen in der Umwelt eher wahr und gewichtet sie stärker als positive." In Bezug auf den Euro heißt das: Preiserhöhungen fallen in menschlichen Bewusstsein stärker ins Gewicht als Preissenkungen. So seien 2002 die hohen Obst- und Gemüsepreise besonders aufgefallen. Daran war aber nicht der Euro, sondern das kalte Wetter in Südeuropa schuld. Die Preise haben sich seitdem wieder normalisiert. Diese Tatsache wurde aber nicht annähernd so intensiv diskutiert. "Oft fehlt beim Verbraucher einfach die bewusste Auseinandersetzung mit einem Thema", erklärt der Experte das Problem.</P><P>Die gefühlte Inflation hat aber auch mit dem Warenkorb zu tun, mit dem das Bundesamt ihre Statistik erstellt. Der Korb ist eine angenommene Durchschnitteinkaufsliste aus 60 000 Haushalten und umfasst 700 Produkte, die verschieden gewichtet werden. Der Löwenanteil fällt mit 30,3 Prozent auf Wohnung, Wasser, Strom und Gas. Nahrungsmittel machen aber nur 10,3 Prozent aus - "da fällt eine Preiserhöhung für Tomaten in der Erhebung kaum auf", erklärt die Stiftung Warentest.</P><P>Die Statistiker haben weiterhin geringe Chancen, mit ihren Fakten die Käufer zu überzeugen. Die Veröffentlichung des Amtes bestätigt zunächst die allgemeine kursierende Meinung, denn: Dienstleistungen wie Restaurantbesuch (plus 4,1 Prozent), Autowäsche (plus 6,5 Prozent) und Änderungsschneidereien (plus 4,9 Prozent) sind seit der Euro-Einführung überdurchschnittlich teuer geworden. Die kräftig nach oben marschierten Preise in der Gesundheitspflege (plus 20,1) und bei Tabakwaren (plus 29,2 Prozent) sind hingegen nicht auf den Euro, sondern auf staatliche Maßnahmen (Gesundheitsreform und Steuererhöhung) zurückzuführen. </P><P>Die Wiesbadener haben aber auch positive Zahlen vorzuweisen. Günstiger als noch zur D-Mark-Zeit landen Fleisch- und Wurstwaren im Einkaufskorb (minus 2,9 Prozent). Molkereiprodukte und Eier (minus 1,9) sowie alkoholfreie Getränke (minus 1,7) wurden zudem billiger.</P>

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