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Stefan Bielmeier (54) arbeitete vor seinem Wechsel zur DZ Bank 2010 gut 14 Jahre bei der Deutschen Bank. Dort war er unter anderem für den Bereich Aktienstrategie verantwortlich. Der Chefvolkswirt der DZ Bank ist auch Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management.

Interview mit dem Chefvolkswirt der DZ Bank

EZB kann nur noch riskantere Papiere kaufen

München - Der spektakuläre Zinsschritt und die Ankündigung der Europäischen Zentralbank, Kredite aufzukaufen, haben die Finanzwelt überrascht. Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank, glaubt jedoch nicht, dass die Maßnahmen den Euro-Krisenländern viel helfen werden.

-Es war ein Paukenschlag: Die EZB ist gestern so weit gegangen wie nie: Die niedrigsten Zinsen der Welt neben Japan und der milliardenschwere Aufkauf von Wertpapieren, Kreditbriefen und Wertverbriefungen. Hatten Sie damit gerechnet?

Über die Geschwindigkeit bin ich sicherlich überrascht. Gerade erst hatte die EZB weitere Maßnahmen angekündigt, welche die Liquididät erhöhen sollten. Und nun binnen kürzester Zeit hat man weitere Maßnahmen angekündigt, mit deren Umsetzung jetzt zeitnah begonnen wird. Insbesondere der geplante Aufkauf von Wertpapieren kommt sehr plötzlich.

- Glauben Sie, dass die Maßnahmen den Krisenstaaten Südeuropas helfen können?

Aus meiner Sicht werden sie nicht wirklich zum Aufschwung beitragen. Die Inflationserwartung der Märkte kann so wahrscheinlich stabilisiert werden, aber auf die Realwirtschaft werden die aktuellen Schritte der EZB wohl keine kaum Auswirkung haben. Darum geht es der Zentralbank auch nicht so sehr. Die wirtschaftlichen Schwächen in Ländern wie Frankreich oder Italien sind darauf zurückzuführen, dass die notwendigen Reformen dort nicht vorangetrieben werden. Die europäische Notenbank kann die konjunkturellen Probleme der dortigen Länder auch nicht wirklich lösen. Im Gegenteil: Diese werden sogar noch verschlimmert, weil der Reformdruck auf die jeweiligen Regierungen durch die Maßnahmen nachlassen könnte.

-War es also ein Fehler bei der Gründung der Euro-Zone zwar eine gemeinsame Währung einzuführen, sich jedoch auf keine gemeinsame Steuer- und Wirtschaftspolitik festzulegen?

Bei der Gründung des Euroraums waren sich die Staaten strukturell weit ähnlicher als heute. Deutschland hat sich seither anders als Frankreich und viele südeuropäische Staaten in puncto Wettbewerbsfähigkeit massiv weiter entwickelt. Das hatte Gründe: Hierzulande waren die realen Zinsen nach der Einführung des Euros nicht so stark gefallen wie in den anderen Ländern. Dadurch war der Anpassungsdruck weit größer. Als Folge der deutschen Strukturreformen sind die Schwächen der trotz gemeinsamer Währung fehlenden gemeinsamen Fiskalpolitik natürlich noch deutlich sichtbarer geworden. Die europaweiten strukturellen Unterschiede zu verringern, wird viel Zeit brauchen. Die EZB kann zur Lösung dieses Problems jedoch nur sehr wenig beitragen.

-Nichtsdestotrotz versucht die EZB den Ländern unter die Arme zu greifen. Sie will Asset Backed Securities (ABS), also Kreditverbriefungen, im großen Stil aufkaufen. Das klingt riskant.

Die Asset Back Securities unterliegen verschiedenen Ratings. Zunächst will die EZB nur solche Papiere mit guten Ratings von den Banken aufkaufen. Damit sind die Risiken noch überschaubar.

-Wo liegen also die Gefahren?

Bislang hat die EZB nur Liquidität für die Banken bereitgestellt. Man hat selbst keine Risiken übernommen. Kauft die EZB Bank jetzt diese Papiere übernimmt sie natürlich auch die damit verbundenen wirtschaftlichen Risiken. ABS-Papiere sind grob gesagt durch Kredite gesicherte Anleihen. Fällt ein solches Darlehen aus, muss künftig nicht mehr die jeweilige Bank, sondern die EZB dafür aufkommen. Die Risiken werden auf die Euro-Länder verteilt und treffen damit auch Deutschland.

-Überstrapaziert die EZB nicht ihr Mandat?

Solche Aufkäufe sind noch von ihrem Aufgabenfeld gedeckt. Es geht der Bank mit den Maßnahmen ja vor allem darum, die Deflationsrisiken maßnahmen zu dämpfen.

-Wann könnte es gefährlich werden?

Wenn die Bank beginnt auch riskantere Papiere zu kaufen. Das wäre problematisch.

-Die Zinsen für die Sparer dürften erst einmal sinken. Wo sollte man sein Geld jetzt anlegen?

Die Rendite für Sparer wird durch solche Aktionen nicht attraktiver. Ein Portfoliobeimischung bestehend aus Aktien und Unternehmensanleihen ist überlegenswert.

-Können niedrige Zinsen wenigstens ein Wachstumsmotor für die südeuropäischen Staaten sein?

Eher weniger. Die Banken in den Ländern können derzeit nur wenige Kredite vergeben. Die Risikotragfähigkeit der Bilanzen lässt dies schlicht nicht zu. Mit dem Kauf der ABS-Papiere möchte die EZB den Banken Risiken abnehmen und mehr Luft verschaffen. Das Problem ist, dass die Geldhäuser trotzdem nicht verpflichtet sind, deshalb mehr Kredite zu vergeben. Sie könnten auch versucht sein, einfach ihre Bilanzen zu verkürzen zu verringern. Damit die Institute mehr Kredite vergeben, müsste der Bankensektor in den Krisenstaaten vorher gesunden. Doch dieses Ziel ist nur schwer zu erreichen.

-Drohen Europa jetzt japanische Verhältnisse – also eine ewige Niedrigzinspolitik gepaart mit einer jahrelang anhaltenden Rezession?

Die Maßnahmen der EZB sollten gegen eine drohende Deflation wirken. Zugleich müsste jedoch auch der Bankensektor genesen. Das dies nicht geschehen ist, war eines der Hauptprobleme in Japan gewesen.

-Welche Maßnahmen könnte die EZB überhaupt noch ergreifen, um den südeuropäischen Staaten zu helfen?

Die EZB hat nicht mehr viele Möglichkeiten. Letztendlich kann sie nur noch das Spektrum der Assetklassen ausweiten, die sie aufkaufen möchte. Damit kann natürlich aber auch das Risiko in der Bilanz der EZB ansteigen und damit auch das Risiko für Deutschland. Der Kauf von riskanteren ABS wäre eine Möglichkeit.

Interview: Tobias Lill

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