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Großbaustelle beim deutschen Energieriesen: Auch die Beschäftigten in der Zentrale von Eon Energie in München (unser Foto) bangen um ihren Job. Wie viele Stellen an den einzelnen Standorten wegfallen, ist aber noch unklar. Foto: Marcus Schlaf

Stellenabbau bei Eon: „Schlimmste Befürchtungen übertroffen“

München - Radikaler Stellenabbau bei Eon: Als Reaktion auf den schwarz-gelben Atomausstieg will der Energieriese bis zu 11 000 Stellen weltweit streichen. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte das Sparprogramm und kündigte Proteste an.

Nein, zu einer Regierungsschelte ließ sich Johannes Teyssen nicht hinreißen. „Wir erkennen den Mehrheitswillen an. Wir stellen uns nicht gegen die Energiewende.“ Dennoch machte der Eon-Chef bei der Telefonkonferenz zur Vorstellung der Halbjahresbilanz deutlich, wer seiner Meinung nach mitverantwortlich für den radikalen Jobabbau bei Deutschlands größtem Energiekonzern ist. Mit Atomausstieg und Brennelementesteuer habe Schwarz-Gelb die ohnehin schwierige Lage der Energiekonzerne massiv verschärft. Sein Fazit: Ohne Stellenabbau ist die Energiewende für Eon nicht zu stemmen.Was Teyssen als unvermeidlich ankündigte, ist jedoch das wohl radikalste Sparprogramm in der Unternehmensgeschichte: Bis zu 11 000 Stellen sollen weltweit gestrichen werden. Rund 85 000 Mitarbeiter gehören zum Konzern (siehe Grafik). Wie viele Jobs in Deutschland wegfallen - dazu wollte sich Teyssen nicht äußern. Verdi zufolge soll der Abbau zu 60 Prozent in Deutschland erfolgen - dies wären rund 6000 Jobs. Auch welche Standorte betroffen sind, ließ der Vorstandschef offen. Seit Tagen kursieren allerdings Gerüchte, dass die Standorte von Eon Energie in München, Eon Ruhrgas in Essen und die Kraftwerkssparte in Hannover aufgelöst werden sollen.

„Die Zahlen übertreffen unsere schlimmsten Befürchtungen“, sagte Martin Cegla, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Eon Energie in München. Bis zuletzt hätten die Mitarbeiter gehofft, dass weit weniger Stellen betroffen seien als in den Medien genannt. Was das Sparprogramm für den Standort München bedeutet, ist allerdings immer noch unklar. In der Zentrale von Eon Energie in der Münchner Brienner Straße arbeiten rund 300 Mitarbeiter. Die Sparte ist für das Deutschland-Geschäft zuständig.

Scharfe Kritik übte die Gewerkschaft Verdi an der Informationspolitik des Konzerns: „Man kann doch die Leute nicht auf das Damoklesschwert über ihren Köpfen hinweisen, ihnen aber verschweigen, wann und wo es herunterfallen wird“, so ein Verdi-Sprecher. Der Konzernbetriebsrat kündigte Widerstand gegen die Streichungspläne an. „Außer Sparprogrammen und Personalkürzungen hat der Vorstand wohl nicht mehr viel zu bieten“, sagte Konzernbetriebsratsvorsitzender Hans Prüfer.

Eon-Chef Teyssen hatte am Morgen in Düsseldorf erstmals rote Zahlen in der Unternehmensgeschichte präsentiert - und damit unter anderen den harten Sparkurs begründet. Danach verbuchte der Konzern im zweiten Quartal einen Verlust von 382 Millionen Euro. Insgesamt erzielte Eon im ersten Halbjahr allerdings einen Überschuss von 933 Millionen Euro. Allein die Belastungen durch den Atomausstieg bezifferte Teyssen auf 1,9 Milliarden Euro im ersten Halbjahr. Dazu gehören die Kosten für die vorzeitige Stilllegung von Atomkraftwerken und die Brennelementesteuer.

Die schlechten Geschäftszahlen trüben auch den Ausblick: Für das Gesamtjahr 2011 erwartet der Eon-Vorstand einen bereinigten Konzernüberschuss von 2,1 bis 2,6 Milliarden Euro. Bis vor kurzem war Eon von 3,0 bis 3,7 Milliarden Euro ausgegangen.

Als größter Atomstromproduzent in Deutschland ist Eon besonders von der Energiewende betroffen. Die Atomkraftwerke Isar I und Philippsburg I sind bereits vom Netz. An den Kernkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel des Konkurrenten Vattenfall ist Eon ebenfalls beteiligt.

Von Steffen Habit

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