Routinierter Protest: Die Beschäftigten von Siemens IT Solutions and Services (SIS) haben seit Jahren Grund für Unmut. Nun fallen erneut 4200 Arbeitsplätze weg, viele davon in München. Foto: dpa

Stellenabbau bei SIS: Die ratlosen Berater von Siemens

München - Siemens bekommt sein Geschäft mit IT-Beratung und Spezialsoftware für Firmen nicht in den Griff. Seit Jahren wird in der Sparte SIS gespart, gestrichen und umstrukturiert. Jetzt fallen wieder 4200 Arbeitsplätze weg. Doch wie es weitergeht, weiß niemand.

Mitarbeiter der Siemens-Sparte SIS haben Routine bei Demonstrationen. Zurzeit treffen sie sich am Münchner Standort Perlach jeden ersten Montag im Monat zum Protestmarsch. Grund für Unmut haben sie schon seit Jahren. Denn die Sparte mit derzeit 35 000 Beschäftigten hat jede Menge Turbulenzen hinter sich.

Schon der frühere Siemens-Chef Klaus Kleinfeld schlug sich im Jahr 2006 mit dem Geschäft, das damals SBS hieß, herum. Er baute 6000 Arbeitsplätze ab und integrierte die in einer eigenständigen Gesellschaft gebündelten Aktivitäten als Bereich in den Konzern. Doch viel gebracht hat das nicht. Man habe seinerzeit „den richtigen Ansatz begonnen“, urteilt Siemens-Finanzchef Joe Kaeser heute. Aber es sei nicht gelungen, das Geschäft auf die speziellen Branchen-Kenntnisse des Industrie-Konzerns auszurichten.

Inzwischen steht Peter Löscher an der Siemens-Spitze, SBS wurde umbenannt in SIS, aber die Probleme sind geblieben. Der Umsatz ist laut Siemens seit zwei Jahren rückläufig. Der Gewinn schrumpft seit drei Jahren. Zuletzt lag er bei 90 Millionen Euro, was angesichts eines Umsatzes von 4,7 Milliarden kaum mehr als eine „schwarze Null“ ist.

Zurzeit wird SIS wieder aus dem Konzern ausgegliedert. Dies sei nötig, um die Aktivitäten „auf die Erfordernisse und Besonderheiten des IT-Marktes“ auszurichten, argumentiert Kaeser. Man brauche für das Unternehmen, das im Wesentlichen Beratungsdienste sowohl für Siemens als auch für externe Kunden erbringe, flexiblere Strukturen außerhalb des Konzerns. Doch er musste auch schon einräumen: „Ein- und Ausgliedern schafft Konfusion und Gerüchte, aber keinen Wert.“ Sein Fazit: „Man muss etwas ändern.“

Das verlangen auch Belegschaftsvertreter. Sie räumen ein, dass man um Restrukturierungen bei SIS nicht herumkomme. Doch noch immer gebe es kein „tragfähiges wirtschaftliches Konzept für SIS“, hieß es gestern in einer Mitteilung der IG Metall und des Gesamtbetriebsrats. In Arbeitnehmerkreisen wird insbesondere ein beträchtlicher Manager-Überhang beklagt, der zu komplizierten Strukturen geführt habe. Und obwohl Siemens Fehlentwicklungen einräumt, hat sich in der Führungsebene des IT-Dienstleisters wenig geändert. Zwar ist SIS-Chef Christoph Kollatz vor drei Monaten zurückgetreten. Doch einen Nachfolger gibt es nicht. Christian Oecking führt den Betrieb nur kommissarisch.

Nun sollen 4200 Arbeitsplätze abgebaut werden. SIS soll sich aus mehreren Ländern zurückziehen und künftig nur noch dort aktiv werden, wo der gesamte Konzern stark verankert ist und Wachstumschancen wittert. Auch die Firmenstruktur wird umgebaut. Die sieben Geschäftseinheiten werden zu zwei Säulen zusammengefasst. Zudem will Siemens bis 2012 mehr als 500 Millionen Euro in die Sparte investieren – auch für Übernahmen anderer Firmen. Denn eigentlich handele es sich um einen „hoch attraktiven Markt“, findet Kaeser. Nur habe dieser den Nachteil, dass sich der Wettbewerb in weiten Teilen über den Preis definiere. Und da hat SIS nicht viel zu gewinnen. „Wir müssen Stärke beweisen in der Leistung“, fordert Kaeser.

Der Finanzchef beteuert, dass das Potenzial der IT-Beratung „beachtlich“ sei. Doch ob Siemens noch lange an dem Geschäft beteiligt bleibt, ist fraglich. Der rechtliche Rahmen für die Ausgliederung von SIS als eigenständiges Unternehmen soll zum 1. Juli stehen. Die praktische Umsetzung soll zum neuen Geschäftsjahr, das im Oktober beginnt, erfolgen. Und dann?

„Weitere unternehmerische Optionen“ will Siemens ausloten. Das kann bedeuten, dass das Geschäft in einigen Jahren verkauft oder an die Börse gebracht wird. „Wenn das unternehmerische Konzept aufgeht und wir eine erfolgreiche Firma bauen, kann man einen Börsengang nicht ausschließen“, orakelte Kaeser. Doch noch sei das „Zukunftsmusik“.

Dominik Müller

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