Steuerflucht in die Alpenrepublik: Österreich lockt deutsche Firmen

- München - Friedrich Schmidl blättert in seinen Unterlagen, murmelt etwas von "steuerlicher Optimierung", "ganz legal" und "alles wasserdicht". Schmidl ist Deutschland-Experte einer staatseigenen österreichischen Ansiedlungs-Agentur. Seine Hauptaufgabe ist, Firmen über die Grenze zu locken. Und er muss zugeben: Die Deutschen machen ihm seine Arbeit derzeit ziemlich leicht.

<P>In Scharen melden sich Unternehmer bei Schmidl in der "Austrian Business Agency" in Wien. 871 Anfragen zählt er binnen zwölf Monaten, Tendenz steigend, darunter überproportional viele aus den grenznahen Bayern und Baden-Württemberg. "Weniger Steuern, mehr Gewinn", verspricht er knapp. Vor allem Dienstleister machen mit: GmbH & Co KG in Deutschland, GmbH & Co KG in Österreich - Steuern sparen.<BR><BR>Längst sind die Verlagerungen für die Heimat ein Problem. "Die Flucht von Unternehmen ins Ausland wird für den Standort eine ernst zu nehmende Herausforderung", warnt Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Fast jede vierte Firma plane, in den nächsten drei Jahren Produktion ins Ausland zu verlagern. Durch die Abwanderung entstünden in dieser Zeit rund 150 000 Jobs im Ausland. "Das ist zunehmend ein Thema für den Mittelstand", weiß Wansleben.<BR><BR>Wichtigste Zielregionen sind Mittel- und Osteuropa sowie Asien. Einer DIHK-Umfrage zufolge kommen jetzt auch Betriebsteile wie Verwaltung, Forschung, Entwicklung und sogar der Sitz des Unternehmens auf den Prüfstand. "Damit gewinnt die Verlagerung eine neue Qualität", sagt Wansleben.<BR><BR>Die Mehrzahl der Unternehmen stärkt beim Sprung ins Nachbarland Österreich ihre Vertriebsstruktur vor Ort - vom Exportland Bayern durchaus gewünscht. Hohe Steuern, Abgaben und Lohnnebenkosten treiben aber weitere Unternehmer ins Ausland. Hinzu kommt das starre Arbeitsrecht. "Bei uns ist das alles viel unkomplizierter", lockt Austrias Zielfahnder Schmidl.<BR><BR>Infineon folgte: Die Leitung des Geschäftsbereichs Automobil- und Industrieelektronik wird von München nach Villach verlegt, der Entwicklungsbereich soll wachsen. Die Kärntner frohlocken. Österreichische Tochtergesellschaften, etwa jene von Siemens und HypoVereinsbank, verdienen durchweg besser als ihre Mütter.<BR><BR>Die Lohnkosten liegen laut Angaben aus Österreich ein Viertel unter dem deutschen Niveau, in Bayern spricht man von 15 % geringeren Arbeitskosten. Das 13. und 14. Monatsgehalt werden niedriger besteuert, der Kündigungsschutz ist lockerer. Für Lehrlinge winken Steuerfreibeträge und staatliche Prämien, ähnlich bei Forschungsausgaben. Firmengebäude werden schnell abgeschrieben. Sogar Betriebsprüfer gelten als milde. "Wie man hört, soll das bei Ihnen in Deutschland nicht ganz angenehm sein", sagt Schmidl.<BR><BR>Auf deutscher Seite fordert der DIHK die Politik auf, für mehr Attraktivität am Standort Deutschland zu sorgen. So werde nicht nur der Trend zur Verlagerung gestoppt. Auch Ausländer würden hier stärker investieren.<BR><BR>Wobei in Österreich längst nicht alles glänzt. Die Wirtschaft wächst hier um ein mageres Prozent, heimische Firmen orientieren sich in Richtung Ausland. Oder, wie eine Dame von der Wirtschaftskammer in Wien staunt: "Die österreichischen Firmen gehen in den Ostblock und die deutschen kommen zu uns."<BR><BR></P> 

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