Steuer-Geschenk erst vor Ostern: Warten auf das neue Netto-Gehalt

- Aus der nächtlichen Annäherung der deutschen Spitzenpolitiker wurde zwar ein Steuerkompromiss geboren - spürbare Steuersenkungen aber noch nicht. Weil die Politik aus dramaturgischen Gründen bis kurz vorm Jahreswechsel mit der Einigung trödelte, schaffen es die meisten Firmen und Behörden nicht, ihre Software rechtzeitig umzustellen. Mehr Geld gibt's für viele Angestellte erst im Februar oder März.

<P>Fast alle Firmen, so ergaben Umfragen, zahlen das Januar-Gehalt noch nach der alten Steuerformel. Im Februar oder März wird der Differenzbetrag verrechnet.</P><P>Der Fahrplan ist einfach zu knapp, merkt die Bahn: 250 000 Mitarbeiter kriegen erst im Februar mehr netto. Erst im März packt die Post ihren Nachschlag auf die 240 000 Lohnzettel. Knapp wird es auch bei BMW, Siemens (170 000), Karstadt (45 000), Telekom (170 000), McDonald's (47 000) und Schering (8300). Hier ist noch nicht entschieden, ob es schon im Januar mehr Geld gibt. Die Politik war schneller als die Lohnbuchhaltung erlaubt.</P><P>Münchens größte Arbeitgeber können ebenfalls nicht zaubern. 36 000 Mitarbeiter der Stadtverwaltung und der von ihr abgerechneten Betriebe bekommen "frühestens am 29. Februar" die angenehmen Folgen des Steuerkompromisses zu spüren. "Vorher geht nix. Garantieren kann man auch diesen Zeitpunkt nicht", sagt eine Sprecherin. Ähnlich läuft es bei den Kommunen im Umland. Die gut 3000 Mitarbeiter der Stadtsparkasse müssen ebenfalls bis Februar auf die Entlastung warten.</P><P>Auch kleine Betriebe tun sich schwer. "Einige Inhaber sagen, es sei gar nicht mehr im Januar zu schaffen", berichtet die Handwerkskammer München und Oberbayern. Selbst die Hüter der Arbeitnehmerrechte kommen mit der Auszahlung des Steuervorteils in Rückstand. "Ich gehe davon aus, dass wir's im Januar nicht mehr schaffen", sagt Verdi-Sprecher Hans Sterr für die 5000 Beschäftigten der Gewerkschaft.</P><P>Den Behörden geht es nicht besser. Das Bundesamt für Finanzen wird den 252 000 Bundesbediensteten erst im Februar die neuen Steuern verrechnen. Auch das bayerische Finanzministerium wird den 307 000 Mitarbeitern des Freistaats erst im Februar das korrekte Gehalt überweisen. Man arbeite mit Hochdruck an einer schnellen Lösung, heißt es.</P><P>Die schnellsten Rechner sind VW und Thyssen-Krupp mit rund 100 000 Mitarbeitern sowie C&A (16 500), die schon im Januar das korrekte Netto überweisen wollen.</P><P>"Die Politik interessiert sich nicht für die Kosten der Verwaltung."<BR>Datev-Sprecher Peter Willig</P><P>Die Weihnachtsgabe kostet übrigens hunderte Steuerexperten die Weihnachtsruhe. Das Software-Haus SAP hat durch wochenlange Vorarbeit nun Überstunden vermieden. Bei der Datev aber, die für rund 7,3 Mio. Gehaltszettel die Steuerprogramme liefert, gilt Urlaubssperre. Sobald die Steuerformel vom Finanzministerium da ist, brummen die Computer. Zum Jahreswechsel soll das wichtigste Programm fertig sein. "Nur, wenn alle Tests fehlerfrei laufen", schränkt Datev-Sprecher Peter Willig ein.</P><P>Für die Genossenschaft ist das monatelange Gezerre mit Extra-Kosten verbunden. "Die Politik interessiert sich überhaupt nicht für die Kosten der Verwaltung", sagt Willig: "Das ist ärgerlich."</P><P>Für den Staat weniger. Der bekommt in den ersten beiden Monaten damit von den Steuerzahlern praktisch ein zinsloses Darlehen. Wenn auch nur 20 Millionen Bürger 50 Euro Steuersenkung stunden, spart das dem Fiskus jeden Monat Millionen Zinsen.</P><P>Wehren können sich die Angestellten kaum. Lediglich Freibeträge auf der Lohnsteuerkarte können dabei helfen, die Steuerlast gering zu halten. Am Jahresende muss aber dann per Steuererklärung abgerechnet werden.</P>

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