Stimmung in der Wirtschaft bricht ein

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München/Berlin (dpa) - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich überraschend stark verschlechtert und Ängste vor einer Rezession geschürt. Bei den Verbrauchern macht sich Konjunkturpessimismus breit, wie das Marktforschungsunternehmen GfK am Dienstag berichtete.

Die Stimmung ist so trüb wie seit fünf Jahren nicht mehr. Nach Darstellung des ifo Instituts fiel der Geschäftsklimaindex im August bereits zum dritten Mal in Folge auf nur noch 94,8 Punkte nach 97,5 Punkten im Vormonat. Drei aufeinanderfolgende Rückgänge wertet ifo als Trendwende.

Das Statistische Bundesamt bestätigte unterdessen den Rückgang der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um real 0,5 Prozent. Doch trotz all dieser Bremsspuren, der Eurostärke und der hohen Energiepreise rechnen die meisten Experten nicht mit einem Absturz der Konjunktur im laufenden Jahr.

Unerwartet gut gefüllte Staatskassen hellten das trübe Bild etwas auf. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erzielten Bund, Länder, Gemeinden sowie Sozialkassen im ersten Halbjahr zusammen einen Überschuss von 6,7 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr als vor einem Jahr. Der überraschend hohe Etatüberschuss löste in der Koalition aus Union und SPD prompt eine neue Debatte über zügige Steuersenkungen aus. Haushaltspolitiker der Koalition und das Bundesfinanzministerium warnten indes angesichts der Konjunkturrisiken vor übereilter Euphorie.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) sprach sich gegen ein Konjunkturprogramm aus. Langfristiges Ziel müsse sein, in guten Zeiten einen Überschuss zu erwirtschaften, damit man sich in schlechten Zeiten ein Defizit leisten könne, sagte IfW-Konjunkturchef Joachim Scheide der "Berliner Zeitung" (Mittwochausgabe). Einem Bericht des "Handelsblatt" (Mittwochausgabe) zufolge machte der Bund im ersten Halbjahr einen Verlust von 8,9 Milliarden Euro. Die Länder erzielten demnach einen Überschuss von 3,5 Milliarden Euro, die Gemeinden lagen mit 6,8 Milliarden Euro im Plus. Der Überschuss der Sozialversicherungen haben in den ersten sechs Monaten 5,3 Milliarden Euro betragen, hieß es unter Berufung auf das Statistische Bundesamt.

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sagte zum Absturz des Geschäftsklimas auf den tiefsten Stand seit gut drei Jahren: "Die deutsche Wirtschaft gerät damit zunehmend in konjunkturell schwieriges Fahrwasser." Viele Experten hatten lediglich einen leichten Rückgang des Konjunkturbarometers prognostiziert. Sowohl die Einschätzungen zur gegenwärtigen Wirtschaftslage als auch zu den Aussichten für die kommenden sechs Monate verschlechterten sich spürbar. Der ifo-Index gilt als wichtigster Frühindikator der deutschen Wirtschaft und beruht auf Befragungen von rund 7000 Unternehmen mehrerer Branchen.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, warnte vor einer Debatte um eine drohende Rezession und vor einer "Prophezeiung, die sich selbst erfüllt", wenn die Konjunktur ständig schlechtgeredet werde. Dass die Konjunktur sich abkühlt, sei zu erwarten und ein "normaler Vorgang", der keinen Anlass zu Hysterie gebe, sagte er "Focus Online".

Vor allem in der Industrie kühlt sich dem ifo Institut zufolge das Klima deutlich ab, aber auch in der krisengeschüttelten Bauwirtschaft und im Einzelhandel verschlechterte sich die Stimmung. Bei vielen Industrieunternehmen gingen bereits die Auftragseingänge zurück, auch vom Export werde weniger Unterstützung erwartet, sagte ifo- Konjunkturexperte Gernot Nerb der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Die Produktionserwartungen fallen entsprechend negativer aus". Mit Neueinstellungen wollten sich viele Unternehmen jetzt eher zurückhalten.

Nachlassende Bauinvestitionen und eine Flaute beim privaten Konsum haben bereits die Wirtschaft im zweiten Quartal 2008 schrumpfen lassen. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden bestätigte am Dienstag Zahlen von Mitte August, wonach die deutsche Wirtschaft im Quartal erstmals seit knapp vier Jahren wieder geschrumpft ist. Aus den genannten Details geht hervor, dass dagegen der Export erneut eine Stütze der Konjunktur war. Auch aus diesem Grund rechnen die meisten Volkswirte im Gesamtjahr mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von etwa zwei Prozent oder knapp darunter, nach 2,5 Prozent 2007 und 2,9 Prozent 2006.

Sorgenkind aber bleibt der Konsum, der schon im zweiten Quartal um 0,7 Prozent sank. Viele Verbraucher zögerten weiter mit größeren Anschaffungen, nur wenige rechneten mit einer raschen Konjunkturbelebung, berichtete das Marktforschungsunternehmen GfK in seiner Konsumklimastudie. Die Prognose für das Konsumklima sank für den September auf nur noch 1,5 Punkte - nach 1,9 im August. Der Wert hatte zuletzt im Sommer 2003 auf einem so niedrigen Niveau gelegen.

"Eingetrübte Konjunkturaussichten und die Erwartung zusätzlicher Preiserhöhungen belasten im August weiterhin die Stimmung der Verbraucher", betonte die GfK. Das leicht negative Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal habe zu zunehmendem Konjunkturpessimismus geführt. Die deutlich gesunkenen Rohölpreise hätten die Verbraucherstimmung nicht merklich aufhellen können. Allerdings beurteilten die Haushalte ihre Einkommenssituation nicht mehr ganz so pessimistisch wie in den Vormonaten. Für die Konsumklimastudie befragt die GfK monatlich rund 2000 Verbraucher.

GfK-Konsumforscher Rolf Bürkl rechnet bis weit in den Herbst mit einer weiteren Abkühlung des Konsumklimas. "Wir werden auch in den kommenden ein bis zwei Monaten keinen Konsumrausch erleben." Eine gewisse Stabilisierung sei aber angesichts sinkender Lebensmittel- und Mineralöl-Preise möglich. "Zusammenfassend kann man vielleicht sagen: Der große Druck bei den Preisen ist raus. Es ist aber noch keine richtige Entspannung zu sehen." Vor allem mit der Nebenkostenabrechnung komme für viele Mieter gegen Jahresende eine unangenehme Überraschung zu. Die eingetrübte Konsumstimmung wird nach Einschätzung Bürkls aller Voraussicht nach auch auf das Weihnachtsgeschäft durchschlagen.

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