Streikleiter: "Die Bahn soll uns endlich ernst nehmen"

Berlin/Hamburg - Mit Knopf im Ohr läuft Ulf Schilling durch Büro der Lokführergewerkschaft GDL am Hamburger Hauptbahnhof. "Frank, was hast du für ne Schicht?", fragt er ins Handy. "Du bleibst in Iserbrook stehen, gut, habe ich notiert."

Der karierte DIN-A4-Block des Streikleiters füllt sich, immer mehr Lokführer der Hamburger S-Bahn sagen am Donnerstagmorgen ihre Teilnahme am Arbeitskampf zu.

"Gestern hatte ich über 150 Telefonanrufe, heute muss ich mindestens 30 Interviews geben", sagt der Bezirksvorsitzende Norbert Quitter. Auch auf dem Berliner Hauptbahnhof gibt GDL-Bezirksleiter Hans-Joachim Kernchen schon eine Viertelstunde vor Streikbeginn Fernsehinterviews auf dem Bahnsteig zwischen den S-Bahn-Gleisen. Eine Frau fragt den Gewerkschafter, ob die S-Bahn noch fahren wird. "In fünf Minuten nicht mehr", erwidert er. Nur wenige Fahrgäste verlieren sich auf dem Bahnsteig. Die meisten haben schon vorher mitbekommen, dass gestreikt wird.

Ganz Deutschland blickt derzeit auf die kleinste Bahngewerkschaft. Bahnchef Hartmut Mehdorn und GDL-Chef Manfred Schell stehen sich unversöhnlich gegenüber. Der eine will an die Börse, der andere will einen eigenen Tarifvertrag und bis zu 31 Prozent mehr Geld.

Ob der geplante Stillstand des S-Bahn-Verkehrs um Punkt 8.00 Uhr klappen wird? "Das kommt darauf an, ob die S-Bahn von einem GDLer gesteuert wird", sagt der Berliner Streikleiter. Die letzte S-Bahn verlässt den Hauptbahnhof um 7.58 Uhr. Danach kommt erst einmal nichts mehr. In der zentralen Umsteigestation Berlin-Friedrichstraße, durch die sonst im Berufsverkehr Tausende Pendler strömen, ist es eine Stunde nach Streikbeginn so ruhig wie an einem Sonntagmorgen.

Auch auf dem oberirdischen S-Bahnsteig mit Blick auf die Reichstagskuppel ist es fast menschenleer. Ein Gleis ist von einem haltenden Zug blockiert, der die gesamte S-Bahn-Strecke in Richtung Hauptbahnhof lahm legt. Im Führerstand wartet der Lokführer auf das Ende der zweistündigen Aktion. Draußen steht eine Zugbegleiterin im Fernverkehr, die an einem freien Tag gekommen ist und auch eine weiße Streikweste übergezogen hat. "Aus Solidarität. Sonst bringt es ja nichts", sagt sie.

Die Bahn hat die Gewerkschaft juristisch in die Enge getrieben, die Streiks bei den S-Bahnen in Berlin und Hamburg gehören zu den letzten Möglichkeiten. Das Arbeitsgericht Nürnberg hatte am Mittwoch Streiks im Güter- und Fernverkehr untersagt. "Wir wollen nicht alles komplett lahmlegen, sondern erreichen, dass die Bahn uns endlich ernst nimmt", sagte Ulf Schilling. Der 38-Jährige ist seit 20 Jahren Lokführer und verdient 1600 Euro nett. "Seit 1994 bin ich in der Endgruppe, seit 13 Jahren stagniert mein Lohn."

Das Urteil des Nürnberger Arbeitsgerichts hat die Lokführer ins Mark getroffen. "Auf gut Deutsch: Wir fühlen uns verarscht", sagt Volker Krombholz. Seine Kollege Quitter sagt, die Bahn habe das Gebot der Fairness verletzt, weil sie nicht über den Gang vor Gericht informiert habe. Die meisten Fahrgäste zeigen Verständnis. Ein alter Mann klopft Norbert Quitter auf die Schulter und sagt: "Mensch die Richter in Nürnberg spinnen ja, ein Streikverbot mit einem möglichen volkswirtschaftlichen Schaden zu begründen. Den gibt's bei jedem Streik." Quitter nickt und sagt: "Sie sprechen mir aus der Seele."

Gegen 9.45 Uhr trudeln die ersten Lokführer wieder im GDL-Büro ein, man ist zufrieden. "Jeder zweite Zug stand still, alle anderen waren erheblich verspätet", sagt Quitter. "Bei der S-Bahn haben wir 60 Prozent verbeamtete Lokführer, die fahren mussten, deshalb konnte nicht alles lahmgelegt werden", ergänzt Ulf Schilling. Als Bahn- Personalvorstand Margret Suckale im Fernsehen den Streik kritisiert, stöhnen die Lokführer auf und winken ab. "Mann, die kann ich nicht mehr sehen", ruft einer. Auch Streikleiter Schilling setzt sich nun an den Tisch, zündet sich eine Zigarette an und sagt: "Am liebsten wäre mir verhandeln und ein fairer Tarifabschluss."

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