Streit um höhere Zahnarzt-Honorare

München - Die Regierung will die Gebührenordnung für Zahnärzte reformieren. Private und gesetzliche Kassen warnen vor einer Kostenexplosion für die Versicherten. Die Zahnärzte weisen dies als „Panikmache“ zurück.

Es ist eine ungewöhnliche Allianz. Normalerweise nutzen private und gesetzliche Krankenkassen jede Gelegenheit, um sich gegenseitig ans Schienbein zu treten. Diesmal haben sie jedoch einen gemeinsamen Gegner – die Zahnärzte. Einhellig warnen sie vor einer Kostenexplosion durch die neue Gebührenordnung. „Die Vollkrone würde künftig rund 74 Euro mehr kosten“, kritisierte der Vizechef des Verbands der gesetzlichen Krankenkassen, Johann-Magnus von Stackelberg. Dies entspreche einem Plus von 29 Prozent. Der Verband der privaten Krankenversicherung schätzt den Honoraranstieg im Schnitt auf 14 Prozent.

Seit Jahren bemüht sich die Regierung, die veraltete Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) zu überarbeiten. Die letzte Reform liegt 23 Jahre zurück. Bereits die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) startete einen Versuch – ohne Erfolg. Jetzt gibt es einen neuen Entwurf. Danach sollen die Honorare im Schnitt um sechs Prozent steigen, so das Gesundheitsministerium.

Die Gebührenordnung gilt für die Abrechnung mit Privatpatienten, aber auch mit Kassenpatienten für Behandlungen, die über Standardleistungen hinausgehen. Laut AOK werden bereits rund 60 Prozent des Zahnersatzes für gesetzlich Versicherte nach der privaten Gebührenordnung abgerechnet. Die geplante Anhebung der Honorare um sechs Prozent belaste die Kassenpatienten zusätzlich mit jährlich 280 Millionen Euro, so die AOK.

Die Abrechnung über die Gebührenordnung ist kompliziert: Für das Honorar wird zunächst die Punktzahl pro Behandlung mit dem Punktwert multipliziert. Über einen sogenannten Steigerungsfaktor kann der Zahnarzt Zeitaufwand und Schwierigkeitsgrad in Rechnung stellen. Bei einer Behandlung ohne Komplikationen gilt der Faktor 2,3 als Richtwert. Aber auch den Faktor 3,5 stellen Ärzte immer häufiger in Rechnung. Nach dem Entwurf der Regierung soll der Punktwert nicht verändert werden. Dafür ist eine Anhebung der Punktzahl geplant, aber nicht nach einem einheitlichen Prozentsatz.

Die Kostenschätzungen gehen daher weit auseinander: Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) rechnet mit einem Plus von sechs Prozent. Viel zu niedrig, wettern die Privatkassen. Sie bezweifeln, dass die Mediziner – wie von der Bundesregierung prophezeit – durch die Anhebung der Gebühren beim Steigerungsfaktor Abstriche machen. „Es ist nicht realistisch, dass sich die Zahnärzte selbst beschränken“, sagt Dirk Lullies vom Verband der privaten Krankenversicherung (PKV).

„Wir sehen auch keinen Nachholbedarf beim Honorarvolumen der Zahnärzte“, betont Lullies. Auch ohne Anpassung der Gebührenordnung seien die Ausgaben für die Behandlung pro Privatversicherten von 1999 auf 2009 um 42 Prozent auf 488 Euro im Jahr gestiegen. Dies liege auch daran, dass oftmals der Steigerungsfaktor nach oben geschraubt worden sei, so Lullies.

Bayerns Zahnärzte verteidigen die Anhebung: „Es gibt in Deutschland wohl keinen Berufsstand, der seit 23 Jahren mit dem gleichen Gehalt oder Honorar auskommen muss“, sagt Janusz Rat, Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB). Die neue Gebührenordnung belaste jeden Versicherten im Schnitt mit zwei Euro im Jahr. „Wer das hohe Versorgungsniveau in einem Flächenland wie Bayern erhalten will, muss die Zahnärzte fair bezahlen“, betonte Rat.

Als „Panikmache“ bezeichnete er die Warnungen der Privatversicherung vor einer Kostenexplosion. „Die privaten Kassen werben mit einer Premiumversorgung, wollen aber zum Teil weniger zahlen als die gesetzliche Krankenversicherung.“ So würden die Privatkassen für die Entfernung eines Zahnes gerade mal 3,94 Euro überweisen (1-facher Steigerungssatz). „Selbst der 2,3-fache private Gebührensatz liegt noch unter den 9,56 Euro, die eine Ersatzkasse für eine einfache Zahnentfernung vergütet.“

Steffen Habit

Rubriklistenbild: © dpa

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