Stress am Service-Point: Kunde versteht nur noch Bahnhof

- Berlin - Eine ältere Dame schüttelt vor einem Schaufenster verwirrt den Kopf. "Sale" ist da zu lesen. "Ist das nicht ein Nebenfluss der Elbe?", fragt die Frau. Auf das englische Wort für Schlussverkauf (sale) kommt die Rentnerin nicht. Auch wer mit dem Zug fährt, versteht oft nur noch Bahnhof: Mit der "Mobility BahnCard" kann hier über "Touch & Travel" ein Ticket für die "City Nightline" geordert werden - allerdings nur von dem, der die Begriffe versteht.

Nach einer EU-Umfrage sprechen nur 33 Prozent der Bürger Englisch. Vor allem Ältere und Migranten kapitulieren vor der Werbe-Sprache.

Den inflationären Gebrauch von Anglizismen stoppen soll jetzt eine Initiative der Unionsfraktion im Bundestag. Das Ziel ist "sprachlicher Verbraucherschutz". Mit anderen Worten: "Rundbrief" statt "Newsletter", "Informationsschalter" statt "Service-Point". Es gehe um den Schutz und die Sicherheit der Konsumenten, "nicht um Sprachfundamentalismus", betont die Verbraucherschutzbeauftragte Julia Klöckner (CDU). Schließlich kann es schon mal gefährlich werden, wenn auf Heizlüftern nur noch "Do not cover" steht statt "Nicht zudecken" oder im Taxi "fasten your seat belt" statt "Bitte anschnallen!". Deshalb sollen Gebrauchsanleitungen und Sicherheitshinweise auf Produkten künftig in "allgemein verständlichem Deutsch" verfasst werden, um Missverständnisse mit gefährlichen Folgen zu vermeiden.

Gemeinsam mit der SPD hofft die CDU eine Basis für einen entsprechenden Antrag im Bundestag zu finden. Die Union will durchsetzen, dass der Bund bei Gesetzestexten, Verlautbarungen und eigenen Werbekampagnen mit gutem Beispiel vorangeht. Auch inländische Unternehmen, bei denen der Bund als Anteilseigner oder Investor auftritt, sollen wenn immer möglich deutsche Begriffe verwenden. Vor allem die Deutsche Telekom tut sich stets mit Anglizismen hervor. "Call & Surf", Country-Select und Phone-Cards sind Begriffe, die sie ihren ganz überwiegend deutschsprachigen Kunden anbietet.

Wie weit der Vorstoß auch im Bereich der Privatwirtschaft gehen soll, darüber herrscht unter den Initiatoren der Kampagne Uneinigkeit. Ob Werbebotschaften wie "all you can eat" (essen so viel Sie können) oder "to go" (zum Mitnehmen) Kunden anlocken oder nicht, muss nach Ansicht von Unionssprecher Laurenz Meyer Sache der Unternehmen bleiben. Der CDU-Politikerin Erika Steinbach geht das nicht weit genug. Sie hofft, die Wirtschaft zum Umdenken bewegen zu können. Es sei "unsozial", dass viele Produkte nur noch in englischer Sprache beschriftet würden. Schließlich seien Worte wie "an" und "aus" auch nicht länger als "on" und "off".

Großen Beifall ernten die Initiatoren von den Vereinen zum Schutz der deutschen

Sprache - schließlich wird hier eine Idee aufgegriffen, für die manche Vereine schon seit langem werben. Bei den Adressaten stößt das Anliegen dagegen auf Unverständnis. Begriffe wie "Intercity-Express" oder "Call a bike" seien "weitgehend akzeptierte Begrifflichkeiten", sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn. "Wir müssen darauf achten, dass unsere Dienste auch von ausländischen Kunden verstanden werden."

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